Gottesdienst am Sonntag Sexagesimae, 07.02.2021 zum Hören und Lesen

Mitwirkende: Waltraud Dosoruth (Lektorin), Regina Henkel (Orgel), Claus-Jürgen Reihs (Liturg und Prediger). 

Glockenläuten

Musik zum Beginn

Jacques Boyvin (1649-1706), „Trio“, arr. K.-P. Chilla

Eröffnung und Begrüßung

L: Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

G: Amen.

L: Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN,

G: der Himmel und Erde gemacht hat.

L: Der HERR sei mit euch!

G: und mit deinem Geist. 

Herzlich willkommen zum digitalen Gottesdienst am Sonntag Sexagesimae!

Sexagesimae bezeichnet den 60. Tag vor Ostern. Rein rechnerisch stimmt das nicht. Es sind nur 57 Tage, wenn man heute und den Ostertag mitrechnet. Aber in kleinen Dingen darf man großzügig sein. Die vorösterliche Zeit beginnt ab heute im Kirchenjahr. Und sie Großzügigkeit wird uns in diesem Gottesdienst begleiten.

Ich grüße Sie und euch mit dem Wochenspruch, der über diesem Tag und der heute beginnenden Woche steht: „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“ (Hebr. 3,15) Gott ist großzügig mit seiner Gnade. In großen Zügen sollen wir sie trinken. In großen Zügen durch sie schwimmen. Dazu gebe uns Gott heute sein Wort, amen. 

Vorbereitungsgebet

Gott, ich komme zu dir und denke an die Worte aus meinem Mund:

Wie oft sie betrügen! Dich und mich und andere.

Wie oft fesseln sie mich, legen andere fest und zementieren Ansichten und vermeintliche Einsichten! Wie oft rauben sie anderen die Kraft und bestreiten das Offensichtliche! Wie oft verschleiern sie Missstände, reden sie Sünde schön und stimmen bedenkenlos ein in den Chor anderer Stimmen.

Ich erkenne, dass du anderes mit mir vorhast. Darum bitte ich dich: Vergib! Sprich zu mir wahre Worte, die befreien, ermutigen und der Wahrheit dienen, amen. 

Psalmgebet aus Psalm 119

Herr, dein Wort bleibt ewiglich,

soweit der Himmel reicht;

deine Wahrheit währet für und für.

Du hast die Erde fest gegründet

Und sie bleibt stehen.

Nach deinen Ordnungen bestehen sie bis heute,

denn es muss dir alles dienen.

Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre,

so wäre ich vergangen in meinem Elend.

Dein Wort ist in meinem Munde

Süßer als Honig.

Dein Wort macht mich klug,

darum hasse ich alle falschen Wege.

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte

Und ein Licht auf meinem Wege.

Er halte mich nach deinem Wort, dass ich lebe,

und lass mich nicht zuschanden werden

in meiner Hoffnung.

Amen.

Lesung des Predigttextes: Lk. 8

 Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Buch des Evangelisten Lukas im achten Kapitel:

Als eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu Jesus eilten, sprach er durch ein Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Predigt

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus!

 

Liebe Gemeinde!

Mich irritiert dieses Gleichnis. Am liebsten würde ich mich in diese Geschichte hineinbeamen und hineinsprechen: „Das kann doch nicht alles sein, Jesus. Du solltest dem Sämann doch noch ein paar arbeitspraktische Tipps geben, damit sich seine Mühen lohnen. Ist doch ganz einfach: Mehr Sorgfalt bei der Aussaat! Das Saatgut nicht wird und unkontrolliert durch die Gegend geworfen, sondern zielgerichtet nur auf den guten, fruchtbaren Boden! Und dann: den Boden bearbeiten: Dornengestrüpp entfernen. Steine absammeln. Boden so verteilen, dass er dick genug liegt. Und das Ergebnis wird sich sehen lassen können: er wird 5 oder zehnmal mehr ernten als er jetzt erntet.“ Denn ich weiß ja, wie es geht. Die lange Erfahrung der Landwirtschaft, das Abwägen der Faktoren für den guten Ernteerfolg und die Aussicht auf einen hohen Ertrag machen mich ganz unruhig bei diesem Gleichnis. Wer das nicht berücksichtigt, setzt schnell seine wirtschaftliche Existenz aufs Spiel und muss den Betrieb schließen. Der Markt ist erbarmungslos und lässt die wenig effizienten Landwirte eingehen wie das Getreide unter der sengenden Sonne.

 

Mich irritiert dieses Gleichnis. Es lässt mich nicht hinein. Es bleibt meinen eigenen Ideen gegenüber verschlossen und folgt seiner eigenen Logik. Mit der Logik der Marktwirtschaft ist es sicher nicht vereinbar. Ich will versuchen, seine Logik zu verstehen. Darum richte ich das Interesse zunächst auf den Blick des Sämanns. Er hat vor sich einen Acker. Und überall streut er das Saatgut aus. Es scheint ihm alles gleichermaßen geeignet zu sein. Er unterscheidet nicht nach lohnt sich / lohnt sich nicht. Weg, Dorn und dürres Land sind ihm gleich viel Wert wie der fette Boden. Alles kommt in Kontakt mit dem Saatgut. Vielleicht denkt der Sämann: ‚Mein Saatgut hat die Kraft, auch unter weniger günstigen Bedingungen Frucht zu bringen. Mir ist der ganze Acker es wert, dass das Saatgut ausgestreut wird. Und, ja, ich hoffe, dass es Frucht bringt!“ Das ist großzügig, um nicht zu sagen: verschwenderisch. So großzügig und verschwenderisch ist nicht das wirtschaftliche Kalkül, sondern so handelt die Liebe. 

 

Die Liebe ist großzügig und verschwenderisch. Welche Liebenden wüssten das nicht? Liebend werfen wir den Geliebten alles hin, was wir sind, verströmen uns, setzen uns aufs Spiel, teilen uns mit und aus, ohne Berechnung. Der Liebende lädt seine Liebste nicht zum Essen ein, um sei ins Bett zu bekommen. Dann würde er nicht lieben, sondern nur seinen eigenen Lustgewinn wollen.

Wenn Eltern rechnen würden, würden sie keine Kinder zu Welt bringen, denn die damit verbundenen Kosten sind sehr hoch. Und trotzdem tun Menschen es – aus Liebe. Die Liebe ist großzügig und verschwenderisch.

 

Und damit kommt mir in den Sinn, dass das Gleichnis gar nichts über irgendeinen antiken Landwirt aus der Zeit Jesu sagen will, sondern etwas über Gott. Das Gleichnis will mir etwas darüber sagen, wie es bei Gott ist. Und da gelten: Großzügigkeit und Verschwendung. Gottes Großzügigkeit gewinnt Gestalt in Jesus Christus, seinem menschgewordenen Sohn. Den gibt er hin. Den lässt er in die Welt kommen. Es ist sein Liebstes. Sein Einundalles. Sein Herzschlag, sein Atemhauch. Ihn gibt er hin, wie der Sämann des Saatgut auswirft. Gottes Verschwendung lässt sich daran erkennen, dass Jesus im Laufe der Zeit erkennt, dass er für alle Menschen in die Welt gekommen ist. Zwar als Jude, aber für Juden und Heiden; zwar in Israel, aber für alle Völker; zwar als Mann, aber für alle Geschlechter: Männer, Frauen, Lesben, Schwule, Bisexuelle, transgender und queere Menschen. Zwar mit den Jüngern als engerer Gefolgschaft, aber für alle, ganz gleich ob glaubensgewiss oder voller Zweifel, ob gelehrt oder ungelehrt, ob im Gegenüber zur Welt oder mitten in ihr drin. Gott gibt sich der ganzen Welt hin, wohl wissend, dass nicht überall gutes, fruchtbares Land auf ihn / sie wartet; wohlwissend auch, dass es dann und wann, wenn die Umstände gut sind, Hoffnung gibt auf Frucht.

 

Das irritiert mich wieder neu. Gott gibt sich nicht nur für die, die ihn / sie in ihrem Leben wurzeln lassen und mit ihm leben. Er gibt sich auch für die, deren Begeisterung schnell erlischt; die ihn ablehnen mit den Dornen der Effizienz und der Berechenbarkeit; auch für die, die immer schon auf den eingetretenen Pfaden ihrer Rechthaberei schreiten und die quer zum Glauben denken. Und bevor ihr mir Hochmut vorwerft: das alles gibt es ja nicht nur im zeitlichen Nebeneinander bei verschiedenen Personen, sondern wohl auch im zeitlichen Nacheinander bei einzelnen, auch bei mir. Wer hätte sie nicht, die festgetretenen Wege der Gewohnheit, die Dornen zum Schutz der eigenen Gerechtigkeit, die Felsen der Besserwisserei und Selbstgerechtigkeit. Mir gilt diese Liebe Gottes, diese Großzügigkeit und Verschwendung. Mir und dir auch. Und dir. Und dir. Und aller Welt. So geht’s bei Gott zu. Er liebt. 

 

Damit endet meine Irritation und weicht der Gelassenheit. Und gern zitiere ich eine Woche vor dem ausfallenden Karneval als nüchterner Ostwestfale die Lebensweisheit der kölschen Frohnaturen: Et hätt noch immer jot jejanje. Weil Gott es so will.

Amen.

Orgel-Meditation

Michael Gotthard Fischer (1773-1829), „Andantino“

Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott, / den Vater, den Allmächtigen, / den Schöpfer des Himmels und der Erde, /

und an Jesus Christus, / einen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, / empfangen durch den Heiligen Geist, / geboren von der Jungfrau Maria, / gelitten unter Pontius Pilatus, / gekreuzigt, gestorben und begraben, / hinabgestiegen in das Reich des Todes, / am dritten Tage auferstanden von den Toten, / aufgefahren in den Himmel; / er sitzt zur Rechten Gottes, / des allmächtigen Vaters; / von dort wird er kommen, / zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, / die heilige christliche Kirche, / Gemeinschaft der Heiligen, / Vergebung der Sünden, / Auferstehung der Toten / und das ewige Leben. / Amen.

Choral: eg 199 „Gott hat das erste Wort“

Gott hat das erste Wort. Erschuf aus Nichts die Welten

Und wird allmächtig gelten und gehen von Ort zu Ort.

 

Gott hat das erste Wort. Eh wir zum Leben kamen,

rief er uns schon mit Namen und ruft uns fort und fort.

 

Gott hat das letzte Wort, das Wort in dem Gerichte

Am Ziel der Weltgeschichte, dann an der Zeiten Bord.

 

Gott hat das letzte Wort. Er wird es neu uns sagen

Dereinst nach diesen Tagen in ewgen Lichte dort.

 

Gott steht am Anbeginn und er wird alles enden.

In seinen starken Händen liegt Ursprung, Ziel und Sinn.

Fürbittengebet und Vaterunser

Gott, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Hoffnung ist noch in mir. Für die Corona-geplagten Menschen: die Infizierten, die Pflegenden, die Behandelnden, die Verantwortlichen. Dem Tod gebiete Einhalt, der Erschöpfung begegne mit Kraft, der Sorge mit Zuversicht, den Handelnden mit Weitsicht. Sprich du dein Wort der Erlösung.

Gott, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Hoffnung ist noch in mir. Für die Schöpfung: trotz der verschmutzten Meere, der steigenden Temperaturen weltweit, der vom Aussterben bedrohten Arten und der ausgebeuteten Böden. Schenke Einsicht in den Klimawandel, lass uns nachhaltiger konsumieren und dem Leben dienen, wo es möglich ist. Sprich dein Wort der Zuversicht.

Gott, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Hoffnung ist noch in mir. Für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt: trotz der Polizeigewalt in Russland und Belarus, trotz des Rassismus in den Vereinigten Staaten und in unserem eigenen Land, trotz der Ausbeutung von Menschen durch einen Hungerlohn. Stärke und ermutige die Demonstrierenden, steh den versöhnenden Kräfte zur Seite, beende die soziale Ungerechtigkeit. Sprich dein Wort der Freiheit.

Gott, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Hoffnung ist noch in mir. Für das Leben deiner Kirche: trotz der Austritte, trotz zurückgehender Finanzmittel, trotz dünnerer Personaldecke. Ermögliche Erfahrungen von Gemeinschaft auch in den Zeiten der Pandemie, unterstütze den verantwortlichen Einsatz der Finanzen, begeistere immer wieder Menschen, sich für dich in den Dienst zu stellen. Sprich dein Wort der Gemeinschaft.

Gemeinsam beten wir

(1) Vater unser

Vaterunser im Himmel / geheiligt werde dein Name / dein Reich  komme / dein Wille geschehe / wie im Himmel so auf Erden / Unser tägliches Brot gib uns heute / und vergib uns unsere Schuld / wie auch wir vergeben unseren Schuldigern / und führe uns nicht in Versuchung / sondern erlöse uns von dem Bösen / denn dein ist das Reich  / und die Kraft / und die Herrlichkeit in Ewigkeit / amen.

Segen

Der HERR segne Dich und behüte Dich,

der HERR lass leuchten Sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig,

der HERR erhebe Sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.

Amen, amen, amen.

Musik zum Nachklang

Georg Green (18. Jh.), Largo in C