Passionsandacht 4. Sehen und Erkennen

Mitwirkende:
Regina Henkel (Orgel),
Petra Luis (Lesung),
Pfr. Claus-Jürgen Reihs (Liturgie und Ansprache),
Almuth Reihs-Vetter (Lesung, Gesang),
Siegrun Stork (Vaterunser)

Musikalisches Vorspiel

(Fuge in d – William Boyce (1725-1770))

Eröffnung

Im Namen Gottes,
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Biblisches Votum
Jesus sprach: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk. 18, 31)

Hinführung
Noch einmal gehen wir ein Stück mit auf dem Kreuzweg Jesu. Wenn wir Seinen Leidensweg betrachten, schauen wir auch unsere eigenen Lebenserfahrungen und Lebensgeschichten an – unser Suchen und Fragen, unser Hoffen und Glauben, unsere Zweifel und unsere Gewissheit. Wir tun das in der Hoffnung, dass Jesus uns auch mit hineinnimmt in Sein unerschütterliches Vertrauen in den himmlischen Vater, von dem Er sich zutiefst geliebt wusste und an Dessen Liebe Er festhielt bis zum Schluss.
GEGENPOLE, das ist der Titel dieser Andachtsreihe. Heute begegnen wir den Gegenpolen SEHEN UND ERKENNEN. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, heißt es, „das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Jesus kann man so lange ansehen, wie man mag, seine Worte hören, von Seinen Taten lesen – aber den Christus erkennt in Ihm nur, wem Gott selbst Herz und Sinne öffnet. –

Lassen Sie uns beten:

Jesus Christus, Bruder und Herr,
wir sehen Dich aus der Ferne
und über den unendlich anmutenden Abstand der Zeit.
Wir hören Dein Wort.
Wir versuchen,
Dich zu verstehen,
Dich zu begreifen,
zu erkennen, wer Du bist.
Hilf uns dazu.
Öffne unsere Ohren,
nimm die Schleier von unseren Augen
und die Steine von unseren Herzen.
Erfülle uns mit Deinem Geist,
bring uns in Berührung mit Deiner Liebe,
lass uns staunen über das Geheimnis Deiner Herrlichkeit.
Amen

Lied: EGplus 116 (Dieses Kreuz, vor dem wir stehen)

1. Dieses Kreuz, vor dem wir stehen, setzt ein Zeichen in die Welt, dass sich, auch wenn wir’s nicht sehen, Gottes Geist zu uns gesellt, uns bestärkt in schweren Zeiten, trostvoll uns zur Seite steht, und bei allen Schwierigkeiten unsern Kreuzweg mit uns geht.
2. Dieses Kreuz, auf das wir sehen, es erinnert uns daran, wenn wir denken: wir vergehen, fallen wir in Gottes Hand. Solchen Grund kann niemand legen, niemand stieg so tief hinab, und am Ende aller Wege auferstand er aus dem Grab.
3. Dieses Kreuz will uns beleben, deutet in die Ewigkeit, und im Glauben spür’n wir eben einen Hauch Unendlichkeit. Nicht der Tod ist mehr das Ende, es geht weiter, ganz gewiss; und das Kreuz steht für die Wende, dass die Liebe stärker ist.
(Text: Clemens Bittlinger 2015; Musik: Sam Samba 2015)

Schriftlesung 1: Joh. 1, 35-39 – Berufung der ersten Jünger

Johannes, der Täufer, stand da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.

Orgelmusik

(„Ich ruf zu dir, Herr Jesus Christ!“ – Jürg Sander (*1960))

Schriftlesung 2: Mt. 26, 17-19.26-30: Abendmahl

Am ersten Tag der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passamahl halten mit meinen Jüngern. Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm
...
Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Lied: EG 535 (Gloria sei dir gesungen)

Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelzungen, mit Harfen und mit Zimbeln schön. Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt; wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron. Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.
(Text und Melodie: Nr. 147 Str.3; Satz: Johann Sebastian Bach 1731)

Ansprache

Sehen und Erkennen. Ob es wirklich stimmt, dass man Menschen nur vor den Kopf sehen kann aber nicht hinter die Stirn und in ihre Gedanken? Ob es stimmt, dass die Augen die Tore zur Seele sind und ein Blick in sie hinein das Herz des Angesehenen erkennbar sein lässt?
Es ist wohl weise, wenn man sich weder der einen noch der andere Aussage ausschließlich anvertraut. Die Erfahrung zeigt, dass manchmal das eine und manchmal das andere gilt. Und wenn Gott es gut mit uns meint, dann passiert beides zugleich. Von solch einem Ereignis berichtet die Berufung der ersten Jünger: Der geistbegabte Täufer Johannes erkennt in dem wandernden Jesus das Lamm Gottes. Er kann das nicht an der äußeren Gestalt erkennen, sondern er kann es in Jesu Herzen sehen. Dort erkennt er das Wesen Jesu. Jesus ist das Lamm Gottes. Jesus ist der, der durch seinen Tod die Schuld und die Sünde der Menschen trägt. Jesus ist der, durch den Gott die Welt mit sich versöhnt. Jesus ist der, der leidet – damit unser Leiden ein Ende hat. Jesus ist der, der stirbt, damit unser Tod ein Ende hat.
Wo Johannes Klarheit hat, bleiben die Jünger unsicher. Sie reden ihn an als Rabbi, als Lehrer, von dem sie Weisung erwarten. Sie sehen ihn und erleben seine Funktion: Jesus lehrt die Menschen Gott neu wahrzunehmen. Im neuen Denken über Gott erschließt sich Gott neu als der Versöhner der Welt, auf den die Zeichen und Wunder hinweisen. Manchem erschließt es sich eben nicht aus dem Blick in die Augen, wer einer sei und wohin seine Lebensreise ihn führe, sondern manchem erschließt es sich eben durch die Unterweisung und das gemeinsame Leben. Die Jünger lernen durchs Hören und durch die Erfahrung der gemeinsamen Zeit mit Jesus.
Ihr Erfahrungsweg läuft auf die Feier des letzten Abendmahls zu. Dort enthüllt Jesus für sie das Geheimnis seines Lebens, das sich als Gottes Lamm vollendet: Mein Leib – für euch gegeben; mein Blut – für euch vergossen. Die Jünger hören Jesu Botschaft und sie erleben dabei die leibliche Hingabe Jesu an die Menschen. Er identifiziert sich mit dem gebrochenen Brot und dem getrunkenen Wein. Er identifiziert sich mit den Symbolen des Pessachfestes, mit dem das Volk Israel seine Befreiung feiert. Und in diesem letzten Abendmahl lässt Jesus erkennen, dass er das Lamm Gottes ist, das die Sünde der Welt trägt., wegträgt und Versöhnung stiftet. Dieses sehen die Jünger nicht, aber sie erfahren es am eigenen Leib, der gestärkt wird für die Zukunft. Jesu Worte werden sinnlich, leiblich erfahren. Auch auf diese Weise ist Erkenntnis möglich.
Ob es stimmt, dass man Jesus sehen und erkennen kann? Ja. Das stimmt. Wir können dem historischen Jesus natürlich nicht mehr in die Augen schauen, aber wir können die Augen sehen, die ihm die Kunst gegeben hat: Im Gesicht des Gekreuzigten am Wandkreuz in der Immanuel-Kirche, im Gesicht des Weltenrichters im Altarfernster der Erlöserkirche. Die Künstler haben diesem Gesicht Tiefe verliehen, Wesenstiefe, Charaktertiefe. In diesen Gesichtern ist ein wenig der Seele zu erkennen, wie sie erkannt worden ist.
Und wir können hören, auf die Worte, die von ihm und aus seinem Mund überliefert sind, und die sich zu einem großen starken Wortnetz der Gerechtigkeit Gottes allein aus Gnade wirken, in dem wir gehalten und getragen sind. Und du kannst es nur erkennen, wenn du dich darauf einlässt und dich hineinfallen lässt.
Und wir können schmecken – in Corona-Zeiten nicht so gemeinschaftlich, wie wir es kennen und lieben und schmerzlich vermissen – die Gegenwart Jesu Christi in der Feier des Abendmahls, der sich für uns hingibt und der darin um unser Vertrauen und unseren Glauben wirbt.
Amen

Lied: EG 222 (Im Frieden Dein)

1. Im Frieden dein, o Herre mein, lass ziehn mich meine Straßen. Wie mir dein Mund gegeben kund, schenkst Gnad du ohne Maßen, hast mein Gesicht das sel’ge Licht, den Heiland, schauen lassen. (Lk 2,29-32)
2. Mir armem Gast bereitet hast das reiche Mahl der Gnaden. Das Lebensbrot stillt Hungers Not, heilt meiner Seele Schaden. Ob solchem Gut jauchzt Sinn und Mut mit alln, die du geladen.
3. O Herr, verleih, dass Lieb und Treu in dir uns all verbinden, dass Hand und Mund zu jeder Stund dein Freundlichkeit verkünden, bis nach der Zeit den Platz bereit’ an deinem Tisch wir finden.
(Text: Friedrich Spitta 1898 nach einem Lied zum Lobgesang des Simeon (Lukas 2,29-32) von Johann Englisch vor 1530; Melodie: Wolfgang Dachstein vor 1530)

Gebet

Herr Jesus Christus,
öffne uns die Augen und die Herzen, dass wir dich erkennen.
Deine Hingabe für uns. Deine Liebe für uns. Deinen Frieden für uns.
Wir bitten dich für deine erlösungsbedürftige Welt:
Beende den Streit in der Familie, den Konflikt in der Schule, den Kampf um den Impfstoff, den Krieg um Bodenschätze und Wasser.
Versöhne die Menschen miteinander, sorge für einen gerechten Ausgleich der Interessen, bewahre uns alle in deiner Schöpfung.
Stärke unsere körperlichen und seelischen Kräfte gegen die Pandemie, erneuere unsere sozialen und politischen Systeme, damit wir sicherer durch die Bedrohung kommen. Sei bei deiner Kirche und lass sie erkennen, was ihr Auftrag ist. 

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme, dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen

Der Herr segne uns und behüte uns;
der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über uns und sei uns gnädig;
der Herr erhebe Sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Amen

Musik zum Nachklang

(„Cross your hands!“ – Daniel Hellbach (*1958))