Passionsandacht 3. Hingabe und Rückzug

Mitwirkende:
Angelina Aust (Lesung),
Regina Henkel (Orgel),
Katrin Herting (Vaterunser),
Meinolf Herting (Vaterunser),
Claus-Jürgen Reihs (Lesung),
Pfrn. Reihs-Vetter (Liturgie und Ansprache, Gesang)

Musikalisches Vorspiel

Diapason Movement von William Walond (1725 – 1770)

Eröffnung

Im Namen Gottes,
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Biblisches Votum
Jesus sprach: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk. 18, 31)

Hinführung

Wieder gehen wir ein Stück mit auf dem Kreuzweg Jesu und verbinden ihn mit unseren eigenen Lebenserfahrungen und Lebensgeschichten. Mit unserer Sehnsucht nach Nähe und Liebe, unserem Wunsch, sie aufrichtig zu leben, unserer Bereitschaft, und auch mit unserer Erfahrung zu scheitern. Wir tun das in der Hoffnung, dass Jesus uns auch mit hineinnimmt in Sein unerschütterliches Vertrauen in den himmlischen Vater, von dem Er sich zutiefst geliebt wusste und an Dessen Liebe Er festhielt bis zum Schluss.
GEGENPOLE, das ist der Titel dieser Andachtsreihe. Heute begegnen wir den Gegenpolen HINGABE UND RÜCKZUG. Beides gehört zu den Gehbewegungen des Glaubens. Wie im Pilgerschritt gehen wir zwei Schritte vor und einen wieder zurück – oder auch mal umgekehrt. Die Liebe zu Jesus Christus will mehr sein als ein Lippenbekenntnis; sie sucht nach Ausdruck, fließt über, setzt sich selbst aufs Spiel – und zieht sich manches Mal zurück, wenn sie erschrickt vor den Folgen und den Preis scheut für die Bewährung...

Lassen Sie uns beten:

Jesus Christus, Bruder und Herr,
wir sehen Dich aus der Ferne
und über den unendlich anmutenden Abstand der Zeit.
Wir möchten Dir nah sein,
Dich hören und verstehen,
Deine Liebe spüren
und sie von Herzen erwidern –
ohne Angst vor den Konsequenzen.
Hilf uns dazu.
Öffne unsere Ohren,
nimm die Schleier von unseren Augen
und die Steine von unseren Herzen.
Erfülle uns mit Deinem Geist,
dass unser Glaube wachse und unsere Liebe stark werde.
Amen

Lied: Kaa 0149 (Er zog den Weg, den schweren)

1. Er zog den Weg, den schweren hin nach Jerusalem. Er ging mit seinen Freunden, die ließen ihn zuletzt allein. Er ging den Weg für sie. Er ging und tat’s für sie.
2. Er zog den Weg, den schweren hin nach Jerusalem. Dort wurde er von Feinden verhöhnt mit einem Dornenkranz. Er schwieg und litt für sie. Er litt und tat’s für sie.
3. Er zog den Weg, den schweren, er trug sein eignes Kreuz. Er bat: Vergib es ihnen! Er litt und starb auf Golgatha. Er litt und Tat’s für uns, für alle und für uns.
(Text: Jürgen Henkys nach dem norwegischen Passionslied „Han gick den svara vagen“ von Britt G. Hallqvist; Melodie:Egil Hovland)

Schriftlesung 1: Mt. 26, 6-13 – Salbung Jesu

Als nun Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen, trat zu ihm eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit kostbarem Salböl und goss es auf sein Haupt, als er zu Tisch saß. Da das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung? Es hätte teuer verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können. Als Jesus das merkte, sprach er zu ihnen: Was bekümmert ihr die Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit. Dass sie dies Öl auf meinen Leib gegossen hat, hat sie getan, dass sie mich für das Begräbnis bereite. Wahrlich, ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Orgelmusik

(Ja, ich will euch tragen von Hartmuth Bietz (geb.1942))

Schriftlesung 2: Mt. 26, 69-75: Verleugnung des Petrus

Petrus saß draußen im Hof. Und es trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst. Als er aber hinausging in die Torhalle, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht. Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich. Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Lied: EG 587 (Ubi Caritas - Kanon)

lat.: Ubi caritas et amor, ubi caritas, Deus ibi est.
dt:. Wo die Liebe wohnt und Güte, wo die Liebe wohnt, da ist unser Gott.
(Gesang aus Taizé - Text: St. Gallen 8.Jh.; Melodie und Satz: Jacques Berthier, Taizé 1981)

Ansprache

Eine Frau und ein Mann. Beide sind Jesus in besonderer Weise nahe und sind doch so unterschiedlich.
Hier eine Fremde, Namenlose – niemand weiß, woher sie kommt und wohin sie nach der Begegnung mit Jesus geht. Aus dem Nichts erscheint sie und platzt ins Essen hinein, um Jesus mit ihrer Liebe zu überschütten. Ohne sich um die anderen Anwesenden zu kümmern, geht sie auf Jesus zu und übergießt Ihn mit kostbarem Salböl – eine stille, zärtliche Geste ohne auch nur ein Wort. Intimer Augenblick inniger Verbundenheit, der die Welt ringsum vergessen lässt…
Dort Petrus, einer der engsten Freunde und Weggefährten Jesu. Von Jesus berufen und immer in Seiner Nähe. Ein brennender Anhänger seines Meisters. Tatkräftig und spontan in seinen Entschlüssen; Jesus auf dem Wasser entgegenzugehen, traut nur er sich. Das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus sprudelt aus seinem Herzen; gegen die düsteren Leidensankündigungen redet er an, beschwört seine Liebe bis zum Tod. Und wirklich folgt er als einziger Jesus auch dann noch, als Der gefangen genommen wird - bis in den Vorhof des Palastes, in dem das Verhör stattfindet. Das ist Petrus: leidenschaftlich brennend, entschlossen, spontan und hingebungsvoll.
Und ich? In beiden finde ich mich wieder. In ihrer je eigenen Suche nach Jesu Nähe, in ihrem je eigenen Bekenntnis. Ich kenne die Sehnsucht der Frau nach der innigen Nähe, den Wunsch, Jesus mein Herz zu schenken. Ihm meine Liebe zu zeigen, Ihm Gutes zu tun, Der alle liebt und immer anderen Gutes tut. Und auch solche Glücksmomente habe ich schon erleben dürfen, in denen für einen Augenblick alles gut war. Momente, in denen es nur noch Ihn gibt und mich und alles andere darüber unwichtig wird. Momente, in denen die Worte dem Schweigen weichen; in denen die Liebe ungehindert fließt. Momente, in denen das Herz wirklich ruhig wird und Frieden einzieht. Kostbare, heilige Momente. Energiequellen für mein Leben... – Und ich kenne auch die Begeisterung des Petrus. Den Drang, reden zu müssen und nicht schweigen zu können von dem, was mich erfüllt. Den Impuls, meinen Glauben auch in die Tat umzusetzen und Gestalt zu geben im alltäglichen Leben. Den Wunsch, lebendig, einsatzfreudig und unerschrocken zu sein in meinem Zeugnis. Und mir ist auch die Erfahrung des Petrus vertraut, dass ich mich und meine Kraft dabei überschätze und meine Grenzen schmerzhaft zu spüren bekomme und den Rückzug antrete…
Wer liebt, setzt sich damit selbst dem Widerspruch aus. Diese Erfahrung macht die fremde Frau in Betanien ebenso wie Petrus. Beider Liebe wird einer Prüfung unterzogen. „Mit dem Geld hätte man den Armen so viel Gutes tun können! Welch eine Vergeudung!“, bekommt die Frau von Jesu Jüngern zu hören. „Gehörst du nicht auch zu diesem Aufrührer?“ wird Petrus von den Mägden und Knechten gefragt. – Und wenn es für mich brenzlig wird? Wenn mein Glaube und meine Liebe mehr fordern als Lippenbekenntnisse und ungefährliche Taten, die mich nicht wirklich etwas kosten? Ich erschrecke in diesen Wochen manchmal vor mir selbst, wenn ich anderen Menschen begegne, die keine Maske tragen und mir unbedacht nahe kommen; wie der Gedanke, sich oder das Gegenüber anstecken zu können, mächtiger ist als die Freude, einander ungehindert zu begegnen. Und ich merke, wie ich einen Schritt zurücktrete… Ich schaue mit großem Respekt nach Myanmar und Honkong, nach Belarus und in die Türkei, wo Menschen für ihre Überzeugungen mit ihrem Leben eintreten und den Tod riskieren. Ob ich die Kraft hätte?... Ich denke voller Hochachtung an die krebskranke Frau in unserer Gemeinde, die sich in ihr Schicksal fügt und ihr Leben ganz bewusst in Gottes Hand legt – allen inneren Widersprüchen zum Trotz. Und ich wünsche mir, das auch zu können…
Ich weiß, aus eigener Kraft gelingt mir das nicht. Ich brauche Einen, Der mir den Rücken stärkt und mir hilft, meinen Glauben und meine Liebe zu bewähren. Einen, Der als Anwalt für mich spricht – so wie für die namenlose Frau in Betanien. Einen, Der selbst Seiner Liebe freien Lauf lässt, Der sie verschwendet, ohne zu fragen, ob jemand diese Liebe verdient. In Dessen Meer der Liebe ich eintauchen und mich versenken kann, Dessen Liebe mich trägt und in mir zum Fluss lebendigen Wassers wird. So, ja so kann sich die Liebe bewähren. Und ich höre die Stimme des Gekreuzigten: „Ich bin da!“ – Ich weiß, ich brauche Einen, Der mich nicht aufgibt, auch wenn ich scheitere – so wie Petrus. Der mich zurückholt in Seine Liebe, wenn ich vor Scham nicht weiß, wohin mit mir. Der mir den Weg zeigt, wenn ich nur noch weglaufen möchte, und mir zutraut, ihn zu gehen. So, ja so kann der Glaube sich bewähren. Und ich höre die Stimme des Auferstandenen: „Ich bin da!“
    „Ich bin da!“ Ich muss den Weg des Glaubens und der Liebe nicht aus eigener Kraft gehen. Jesus Christus ist da und wirkt beides. Er bereitet mir den Weg. Er freut sich an meiner Hingabe und hält auch meine Rückzüge aus. Meine wechselnden Schritte sind geborgen in Seiner Hingabe.
Amen

Lied: EG 94, 1-3.5 (Das Kreuz ist aufgerichtet)

1. Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet. Dass er das Heil der Welt in diesem Zeichen gründe, gibt sich für ihre Sünde der Schöpfer selber zum Entgelt.
2. Er wollte, dass die Erde zum Stern des Kreuzes werde, und der am Kreuz verblich, der sollte wiederbringen, die sonst verlorengingen, dafür gab er zum Opfer sich.
3. Er schonte den Verräter, ließ sich als Missetäter verdammen vor Gericht, schwieg still zu allem Hohne, nahm an die Dornenkrone, die Schläge in sein Angesicht.
5. Wir sind nicht mehr die Knechte der alten Todesmächte und ihrer Tyrannei. Der Sohn, der es erduldet, hat uns am Kreuz entschuldet. Auch wir sind Söhne und sind frei.
(Text: Kurt Ihlenfeld 1967; Melodie: Tirol um 1440, Heinrich Isaac »Innsbruck, ich muss dich lassen« (um 1495) 1539; geistlich 1505)

Gebet

Jesus Christus, Herr und Bruder
Hab Dank für Deine Liebe,
in der Du Dein Leben gegeben hast
und Dich an uns verschenkst, ohne zu rechnen.
Danke, dass Du niemanden zurückstößt.
Danke, dass auch wir zu Dir kommen
und in Deiner Nähe bleiben dürfen.
Wir bitten Dich:
Berühre und durchdringe unser Leben mit Deiner Liebe.
Entflamme neu unsere Liebe zu Dir
und lass sie ihren Lauf nehmen
zu unseren Mitmenschen und der Welt um uns her,
damit wir das tun können, was dran ist und hilft.
Hilf, dass wir auch gegen Widerstände Dir die Ehre geben
und unsern Nächsten lieben wie uns selbst.
Stehe allen bei,
die in diesen Tagen ihre ganz eigene Leidensgeschichte durchleben müssen.
Lass Glauben wachsen,
Liebe reifen,
Hoffnung blühen.
Amen

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme, dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen

Der Herr segne uns und behüte uns;
der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über uns und sei uns gnädig;
der Herr erhebe Sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Amen

Musik zum Nachklang

Voluntary in A Minor Anonymus (18th century)