Passionsandacht 2. Faszination und Fanatismus

Mitwirkende:
Regina Henkel (Orgel),
Katrin Herting (Lesung),
Jochen Hoffmann (Lesung),
Familie Pferdmenges (Vaterunser),
Claus-Jürgen Reihs (Liturgie und Ansprache),
Almuth Reihs-Vetter (Gesang)

Musikalisches Vorspiel

„Sarabande“ von J. S. Bach (1722 – 1777)

Eröffnung

Im Namen Gottes,
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Biblisches Votum
Jesus sprach: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk. 18, 31)

Hinführung
In der heutigen Andacht gehen wir wieder ein Stück mit auf dem Kreuzweg Jesu. Wenn wir Seinen Leidensweg betrachten, schauen wir auch unsere eigenen Lebenserfahrungen und Lebensgeschichten an – unsere Sehnsüchte und Hoffnungen, unsere Enttäuschungen und Verletzungen, auch und unsere Schuld. Wir tun das in der Hoffnung, dass Jesus uns auch mit hineinnimmt in Sein unerschütterliches Vertrauen in den himmlischen Vater, von dem Jesus sich zutiefst geliebt wusste und an Dessen Liebe Er festhielt bis zum Schluss.
GEGENPOLE, das ist der Titel dieser Andachtsreihe. Heute begegnen wir den Gegenpolen FASZINATION UND FANATISMUS. Wie schnell kann Begeisterung umschlagen in Verblendung, Liebe in Hass, der gute Kampf in einen Krieg der Willkür? Wie steht es um unsere Nachfolge? Wo folgen wir fasziniert Jesu Spuren und wo stehen wir in Gefahr, Ihn und Seine Botschaft nach unserem Bild zu formen und dafür über Leichen zu gehen? –

Lassen Sie uns beten:

Jesus Christus, Bruder und Herr,
wir sehen Dich aus der Ferne
und über den unendlich anmutenden Abstand der Zeit.
Wir hören Dein Wort.
Wir versuchen, Dir nahe zu kommen
Dich zu verstehen,
Dir zu folgen.
Hilf uns dazu.
Öffne unsere Ohren,
nimm die Schleier von unseren Augen
und die Steine von unseren Herzen.
Führe uns auf dem Weg der Liebe und des Lebens.
Amen

Lied: EG 91,1.4.7 (Herr, stärke mich, Dein Leiden zu bedenken)

1. Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken, die dich bewog, von aller Schuld des Bösen uns zu erlösen.
4. Gott ist gerecht, ein Rächer alles Bösen; Gott ist die Lieb und lässt die Welt erlösen. Dies kann mein Geist mit Schrecken und Entzücken am Kreuz erblicken.
7. Da du dich selbst für mich dahingegeben, wie könnt ich noch nach meinem Willen leben? Und nicht vielmehr, weil ich dir angehöre, zu deiner Ehre.
(Text: Christian Fürchtegott Gellert 1757; Melodie: Johann Crüger 1640 nach Guillaume Franc 1543 (zu Psalm 23))

Schriftlesung 1: Mt. 9, 20-22 – Heilung der blutflüssigen Frau

Siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren den Blutfluss hatte, trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes. Denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und die Frau wurde gesund zu derselben Stunde.

Orgelmusik

„Sad Story“ von Daniel Hellbach (geb. 1958)

Schriftlesung 2: Mt. 26, 14-16: Verrat des Judas

Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskariot, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Und von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn ausliefere.

Lied: WL 85 (Da wohnt ein Sehnen tief in uns)

Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir
nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du
sie gibst.
1. Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir. In Sorge, im Schmerz
– sei da, sei uns nahe, Gott. Da wohnt ein Sehnen tief in uns…
2. Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir. In Ohnmacht, in
Furcht – sei da, sei uns nahe, Gott. Da wohnt ein Sehnen tief in uns…
3. Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir. In Krankheit, im Tod
– sei da, sei uns nahe, Gott. Da wohnt ein Sehnen tief in uns…
4. Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir. Wir hoffen auf
dich – sei da, sei uns nahe, Gott. Da wohnt ein Sehnen tief in uns…
(Text und Melodie: Anne Quigley / deutsch: Eugen Eckert)

Ansprache

Projektionen auf Jesus:
Auslegung
Die blutflüssige Frau spricht:
„Er fasziniert mich. Jesus. Als Mann. Aber es ist ausgeschlossen, dass ich mich ihm nähere. Als Heiler. Er hat Gaben, wie sonst kein anderer. Ich höre es schon seit Tagen in den Straßen. Einen Blinden hat er sehend gemacht. Eine Gehörlose konnte dank seiner Hilfe wieder hören und sprechen. Krüppel richtet er auf. Es ist, als ob jeder Stein eine Geschichte zu erzählen hätte. Ja, warum dann nicht auch ich. Dann wird er vielleicht auch mich heilen. Mich: eine Frau. Ob das etwas bei ihm zählt, dass ich eine Frau bin? Ich hoffe nicht. Er wendet sich doch Frauen genauso zu wie Männern – auch wenn die Männer es nicht so gerne sehen. Und dass ich den Blutfluss habe? Ständig menstruiere, immer nur ein wenig, aber nie ist Ruhe. Ob das etwas für ihn zählt, dass ich unrein bin? Ich hoffe nicht, und hoffe zugleich: ja. Denn dann sieht er mein Elend. Meine Einsamkeit, mein Ausgeschlossensein von der Gemeinschaft. Und dann wird er etwas für mich tun. Er wendet sich den Unreinen doch ebenso zu wie den Reinen, den Sündern gilt sein Interesse viel mehr als den Gerechten – auch wenn die Gerechten es nicht so gerne sehen.
Ich will zu ihm. Wenn er meine Not sieht, so wird er mir helfen. Da bin ich ganz gewiss. Er ist ja meine einzige Hoffnung. Er allein kann es tun. Vielleicht berührt er mich, und wenn nicht, dann will ich ihn berühren. Einen Kontakt zu ihm haben und von seiner Gnadenquelle trinken. Das wird mir schon reichen. Oder nur das Wort hören, das mir gilt. Das wäre schon genug. Es muss einfach sein. Es muss, es muss, es muss. Und es wird gelingen. Ich lass mich ganz und gar darauf ein. Von hinten gehe ich zu ihm und dann mache ich mich bemerkbar. Und auch wenn ich kein Wort heraus bekomme, wenn meine Kehle vertrocknet ist, dann will ich nur sein Gewand anfassen. Das muss reichen. ….!“

Judas spricht:
„Das reicht nicht, Jesus! Das musst du doch auch sehen. Du machst Blinde sehend, aber selber bist du blind für die Ursache allein Übels! Du lässt Gelälhmte aufstehen und gehen, aber selber bleibst du stehen im Kampf gegen die römischen Unterdrücker. Gehörlose lässt du wieder hören, aber zugleich bleibst du taub gegen die Klagen der Gequälten, gegen die Schreie der Gefolterten und Gekreuzigten. Jesus. Jesus! Das reicht doch nicht. Da ist doch noch mehr vom Reich Gottes in der Macht. Aber du bleibst stumm, wenn wir diskutieren. Du verweigerst dich der politischen Notwendigkeit. Was bist du nur für ein Heiland? Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüsste schon genau, was zu tun ist. Den Esel gegen ein kräftiges Pferd tauschen, die Worte gegen Schwert und Spieß, das Gewand gegen den Kriegsrock. Und dann – auf in den Kampf! Für die gute Sache der Befreiung. Wie Mose beim Auszug gegen die Ägypter! Vertilge sie vom Erdboden, lass uns endlich wieder frei sein.
Aber nein, das ist deine Sache nicht. Doch warte nur, ich kriege dich schon dahin, wo ich dich haben will. Dass du gar nicht anders mehr kannst, als deine Macht und Gewalt zu zeigen: Du musst dich doch endlich als Messias erweisen! Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Mein Verrat an dir, er dient doch nur der guten Sache. Wenn die Römer dich erst in der Mangel haben, dann wirst du schon dagegen aufbegehren, dann wirst du sich wehren, dann wird jeder Schlag, den sie dir versetzen, tausendfach vergolten. Drum Jesus: Verzeih mir, was ich tue, was ich tun muss, um unseretwillen und um deinetwillen. Das wird reichen. Und die Menschen wirst du faszinieren und sie werden dich fürchten und verehren ..“

Sehnsucht nach Weltverbesserung durch Taten, die kenne ich nur zu gut. Sehnsucht, selber aus der Not gerettet zu werden, auch das kenne ich nur zu gut. Aber kenne ich auch Christus? Immer nur etwas.
Amen

Lied: EG 400, 1.4-7 (Ich will dich lieben, meine Stärke)

1. Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier; ich will dich lieben mit dem Werke und immer währender Begier. Ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.
4. Ich lief verirrt und war verblendet, ich suchte dich und fand dich nicht; ich hatte mich von dir gewendet und liebte das geschaffne Licht. Nun aber ist’s durch dich geschehn, dass ich dich hab ersehn.
5. Ich danke dir, du wahre Sonne, dass mir dein Glanz hat Licht gebracht; ich danke dir, du Himmelswonne, dass du mich froh und frei gemacht; ich danke dir, du güldner Mund, dass du mich machst gesund.
6. Erhalte mich auf deinen Stegen und lass mich nicht mehr irre gehn; lass meinen Fuß in deinen Wegen nicht straucheln oder stillestehn; erleucht mir Leib und Seele ganz, du starker Himmelsglanz!
7. Ich will dich lieben, meine Krone, ich will dich lieben, meinen Gott; ich will dich lieben ohne Lohne auch in der allergrößten Not; ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.
(Text Johann Scheffler 1657; Melodie: bei Johann Balthasar König 1738)

Gebet

ich kenne dich kaum. Vergib mir mein fehlendes Zutrauen. Vergib mir meine Zögerlichkeit, mich ganz dir anzuvertrauen. Meine Angst vor einer Blamage, die Angst vor dem Sprung ins Ungewisse. Ich fürchte um mich selbst. Lehre mich die Zuversicht, dass ich bei dir ganz bin. Dass ich nichts zu verliren habe, sondern nur zu gewinnen.
Vergib mir meine Ungeduld und meine Besserwisserei. Sie sind doch nur Ausdruck meines Schmerzes. Und wie muss es dir da erst ergehen. Ich will die Welt oft nach deinem Wunsch besser machen und würde gerne dreinschlagen. Denn ich liebe die Welt nicht; ich verachte die Mörder und Folterer, die Demagogen und Soldaten. Lehre mich die Liebe, die nicht still hält, sondern die sich in Kampf und Kontemplation gegen die Ungerechtigkeit wendet und deinen Weg der Liebe geht, die auch dem größten Übeltäter noch eine Chance gewährt. Tatsächlich auch mir. Amen.

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme, dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen

Der Herr segne uns und behüte uns;
der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über uns und sei uns gnädig;
der Herr erhebe Sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Amen

Musik zum Nachklang

„Verset“ von L.A. Lefébure (1817-1869)