Passionsandacht 1. Täuschung und Enttäuschung

Mitwirkende:
Angelina und Louis Aust (Vaterunser),
Jürgen Engelmann (Lesung),
Regina Henkel (Orgel),
Petra Luis (Lesung),
Pfrn. Reihs-Vetter (Liturgie und Ansprache, Gesang)

Musikalisches Vorspiel

(„Voluntary A – Minor“ von John James (geb. ? – 1745))

Eröffnung

Im Namen Gottes,
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Biblisches Votum
Jesus sprach: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk. 18, 31)

Hinführung
In der Karwoche nehmen wir den Kreuzweg Jesu Christi in den Blick. Wir setzen uns Seinem Leiden aus und zeichnen in Seinen Weg unsere Lebenserfahrungen und Lebensgeschichten ein mit allem, was uns schmerzt und belastet. Wir tun das in der Hoffnung, dass Er uns auch mit hineinnimmt in Sein unerschütterliches Vertrauen in den himmlischen Vater, von dem Jesus sich zutiefst geliebt wusste und an Dessen Liebe Er festhielt bis zum Schluss.
GEGENPOLE, das ist der Titel dieser Andachtsreihe. Darin laden wir Sie ein, jeweils zwei biblische Erzählungen – überwiegend aus dem Mt.-Evangelium – zu betrachten, die zum Teil sehr gegensätzlich sind und in Spannung zueinander stehen. Widersprüchlich und spannungsvoll sind auch die Erfahrungen unseres Lebens; gerade in ihnen aber können wir Jesus begegnen.
Heute geht es um die Spannung von TÄUSCHUNG UND ENT-TÄUSCHUNG. Von Anfang an haben sich die Menschen sehr unterschiedliche Bilder von dem Christus gemacht, Der kommen sollte, die Welt zu erlösen. Welche Vorstellungen, Hoffnungen und Erwartungen verbinden wir mit dem Retter der Welt und unseres Lebens? Wo täuschen wir uns auch und wo kann eine Ent-Täuschung heilsam sein? –

Lassen Sie uns beten:

Jesus Christus, Bruder und Herr,
wir sehen Dich aus der Ferne
und über den unendlich anmutenden Abstand der Zeit.
Wir hören Dein Wort.
Wir versuchen, Dich zu verstehen,
zu begreifen, wer Du bist.
Hilf uns dazu.
Öffne unsere Ohren,
nimm die Schleier von unseren Augen
und die Steine von unseren Herzen,
damit wir Dir begegnen in Klarheit und Wahrheit.
Amen

Lied: EG 555, 1.5-7 (Loben wollen wir und ehren)

1. Loben wollen wir und ehren unsern Heiland Jesus Christ, der das Leiden und das Sterben auf sich nahm für unsre Schuld.
5. Loben wollen wir und ehren unsern Heiland Jesus Christ, der sein Kreuz auf langer Straße selber trug nach Golgatha.
6. Loben wollen wir und ehren unsern Heiland Jesus Christ, der ans Kreuz genagelt wurde und wie ein Verbrecher starb.
7. Loben wollen wir und ehren unsern Heiland Jesus Christ, der, damit wir ewig leben, solches Sterben auf sich nimmt.
(Text: ach Georg Thurmair 1939; Melodie: nach Heinrich Neuss 1948)

Schriftlesung 1: Mt. 21, 1-11 – Einzug in Jerusalem

Als Jesus mit seinen Jüngern in die Nähe von Jerusalem kam, nach Betfage an den Ölberg, sandte er zwei von ihnen voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

Orgelmusik

(„Lending Wings“ von Daniel Hellbach (geb. 1958))

Schriftlesung 2: Mt. 27, 31-32: Kreuztragung

Als die Soldaten Jesus nach seiner Verurteilung verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug.

Lied: EG 175 (Ausgang und Eingang)

Ausgang und Eingang, Anfang und Ende liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.
(Text und Kanon für 4 Stimmen: Joachim Schwarz 1962)

Ansprache

Jesus, wer bist Du?
Ich höre diese Geschichten – und bin verwirrt. Sie erzählen so Unterschiedliches von Dir. Beschreiben Dich als würdevollen König, dem bei seinem Erscheinen begeistert „der rote Teppich ausgerollt wird“ aus Kleidern und Palmzweigen – und als gebrochenen Mann, der unter seinem Kreuz stöhnt und zusammenbricht. Von der Menge umjubelt als Hoffnungsträger Israels – und dann verspottet und verhöhnt als Witzfigur des jüdischen Volkes. Umringt und hofiert von Freunden und Fremden – und schließlich verlassen von allen und einsam. Von solcher Macht und Autorität, dass viele dir zutrauen, eine gerechte Weltordnung durchzusetzen – und am Ende elend und ohnmächtig, den Tod vor Augen, angewiesen auf die Barmherzigkeit eines Fremden, der dir das Kreuz für einige Meter tragen hilft.
Wer bist Du, Jesus, dieser oder jener? Machtvoller Retter und Befreier oder eine gescheiterte Existenz, die höchstens Mitleid erregt?
Jesus, wer bist Du? Diese Frage kommt bis heute nicht zur Ruhe. Wer bist Du, Jesus von Nazareth? Ein Spinner, ein Narr, ein Träumer, sagen die einen und wenden sich kopfschüttelnd ab. Ein Aufrührer, Gotteslästerer, Rebell, sagen die anderen und schmieden ihre Pläne. Ein prima Typ, meinen die dritten. Vorbild in allen Lebenslagen, hat sich für die Armen eingesetzt und wurde aufs Kreuz gelegt. Mehr nicht.
Wer bist Du, Jesus, für uns? Für mich? - Ich kenne sie, die Sehnsucht nach dem machtvollen Herrscher und Befreier. In dieser Zeit bahnt sie sich oft den Weg an die Oberfläche. Seit über einem Jahr stellt ein Virus und seine Mutationen unser Leben auf den Kopf. Und von den guten Vorsätzen, uns und unser Leben zu ändern, sind die meisten wieder in Vergessenheit geraten: Mehr Zeit für die Familie? Ich bin froh, wenn „die Blagen“ wieder in die Schule gehen! – Sich bewusster und gesünder ernähren? Wenn ich die Abende schon allein zuhause verbringen muss, dann wenigstens mit Chips und Bier! – Ernst machen mit dem Klimaschutz? Die Osterflüge nach Mallorca sind ausgebucht. – Gemeinsam werden wir es schaffen, die Krise zu bewältigen? Schon. Aber ich bin bitte zuerst dran mit der Impfung, der Finanzhilfe… - Ach Jesus, es bräuchte einen voller Autorität, der wirklich stark ist und durchzugreifen weiß, damit Weisheit und Gerechtigkeit das Regiment übernehmen in diesem ermüdenden Chaos! Einen mit Charisma, der die Menschen überzeugen kann und nicht nur sich selbst inszeniert. Einen echten Hoffnungsträger, dem man vertrauen kann, der nicht auf den eigenen Vorteil bedacht redet und handelt, der klar und durchsetzungsstark ist. Einen mit Macht, die auch dem Virus Einhalt gebietet. Jesus, bist Du dieser Eine? Eine Stimme in mir fleht: Du musst es sein! Bitte! –
Ich schaue zum Kreuz. Und mir ist, als schütteltest Du traurig den Kopf: Nein, so bin ich nicht. Ich bin anders, ganz anders. Dein Bild von mir entwächst deinen Wünschen und Sehnsüchten; es hat mit mir und Dem, Der ich in Wahrheit bin, wenig zu tun. Schon immer haben Menschen ihre Vorstellungen und Hoffnungen auf mich projiziert und dabei ihren Phantasien von machtvoller Herrschaft und Befreiung freien Lauf gelassen. Das hat sich seit über 2000 Jahren nicht geändert. Aber ich muss euch enttäuschen – damals wie heute. Ich bin nicht der, den ihr in mir sehen wollt. Und ich habe nie einen Hehl daraus gemacht. Schaut doch hin: In einer zugigen Höhle wurde ich geboren, auf einem Esel bin ich in Jerusalem eingeritten, das Kreuz habe ich auf mich genommen… - und bin doch nicht tot zu kriegen. Ich lebe und ihr sollt auch leben!
Ich werde still. Lese noch einmal. Jesus, wer bist Du wahrhaftig? Ich lese und höre – bemüht, mich nicht täuschen zu lassen von meinen eigenen Wünschen. Ich ringe um Worte, komme ins Stottern. Versuche mich heranzutasten. Vielleicht so: Der da einzieht in Jerusalem, verzichtet auf Seine Macht und ist doch voller Kraft. Er spricht von Versöhnung, ohne schwächlich zu sein. Er lässt sich berühren von dem Elend einzelner Menschen und verheißt die Gerechtigkeit für alle. Er diktiert nicht von oben; er stellt sich an die Seite der Menschen und spricht ihnen so ins Herz, dass sie umkehren und neu anfangen. Er provoziert die Herrschenden, stellt Gewissheiten infrage und Rangordnungen auf den Kopf. Er durchkreuzt ihre blutigen Spiele und bringt sie damit in Rage. Er versetzt die Stadt in Aufregung, weil niemand, der ihm begegnet, gleichgültig bleiben kann. Er macht nicht mit Zauberhand allem Leid ein Ende; er geht hinein in die Not, hilft sie tragen, hält sie selbst aus. Er macht sich selbst schutzlos, angreifbar und verletzlich wie ein Kind. Er ist einer, der wie ein Kind um Vertrauen wirbt und Vertrauen schenkt. Er liebt jeden einzelnen Menschen so, dass jeder, der sich dem öffnet, eine Gewissheit verspürt, der auch der Tod nichts anhaben kann. Er ist der Lebendige, mit dem das Leben noch einmal neu beginnen kann. Gerade dort, wo das Leben an seine Grenzen kommt, die Hoffnung zu sterben droht und „Zukunft“ zum Fremdwort geworden ist.
Jesus, wer bist Du für uns, für mich? Ich versuche mich heranzutasten. Vielleicht so: Du liegst auf der Intensivstation, um Atem ringend und auf Heilung hoffend gegen alle Prognosen. Du sitzt unter den Angehörigen, die verzweifelt sind und flehen - wenigstens um einen sanften Tod. Du packst mit zu, die Kranken zu versorgen und die Sterbenden zu begleiten. Du bist im Schweigen und Beten, im tröstenden Wort und der Geste der Zuwendung, in der Schmerz lindernden Infusion und dem kühlenden Waschlappen auf der Stirn. Du analysierst Blut in den Laboren, suchst und forschst nach heilsamen Therapien, stellst wegweisende Fragen, formulierst weichenstellende Ideen. Du läufst mit in Sackgassen und findest Wege hinaus. Du wagst zu denken und auch quer zu denken, Du bist im Impfstoff und in den Fragen daran und versetzt damit nicht nur Fachleute in Aufregung. Du spielst inmitten der Kinder und vergisst darüber eine Zeitlang Corona. Du bist im unbeschwerten Lachen und in den Tränen der Angst, im ungeduldigen Warten und dem Vertrauen, dass alles gut wird. Du seufzt mit den gestressten Eltern, kämpfst jeden Tag an ihrer Seite, Du bist in ihren Sorgen und ihrer Erschöpfung, in ihrem guten Willen und ihrer Tatkraft. Du bist an der Seite des Unternehmers, der verzweifelt ist, der vor den Trümmern seiner Existenz steht und nur noch Scheitern sieht, Versagen, Scham, weil er auch seine Angestellten nicht schützen kann vor dem Ruin. Du bist in der Schlaflosigkeit der Nacht und in dem Grübeln bei Tag, in dem Ringen um Auswege und der Hoffnung auf ein Wunder. Du sitzt im Bundestag und auf den Konferenzen der MinisterpräsidentInnen. Parteibücher interessieren Dich nicht, für Dich steht der Mensch im Mittelpunkt; Du hörst jeder und jedem genau zu und stellst kritische Fragen. Du wagst, vermeintlich Selbstverständliches zu hinterfragen und Ungedachtes zu denken, auch wenn es unpopulär ist, und bringst damit die Mächtigen in Rage. Du wirbst um Vertrauen und schenkst Vertrauen. Am Tiefpunkt der Krise, im Scheitern der Bewältigungsstrategien, am Abgrund des Todes wird plötzlich echter Trost erfahrbar, Güte und Erbarmen. Und Licht fällt in die dunkelsten Kammern der Seele. Und die Angst vergeht und Wärme zieht in die froststarren Verhältnisse. Menschen ahnen die Nähe Deines Friedens und kommen selbst in die Nähe ihrer besten Möglichkeiten. Ein Strom der Liebe geht von Dir aus, so dass jeder, der sich dem öffnet, eine Gewissheit verspürt, der auch der Tod nichts anhaben kann. Du bist der Lebendige, mit dem das Leben noch einmal neu beginnen kann. Gerade dort, wo das Leben an seine Grenzen kommt, die Hoffnung zu sterben droht und „Zukunft“ zum Fremdwort geworden ist. –
Es ist ein mieses Gefühl, sich in jemandem zu irren. Jemanden vermeintlich zu kennen, ihm Vertrauen zu schenken, auf ihn seine Hoffnung zu setzen – und dann enttäuscht er die Erwartungen. – Es ist eine heilsame Erfahrung für den Glauben, wenn Jesus uns ent-täuscht. Wenn Er die Insignien der Macht und Herrlichkeit, mit denen unsere Phantasie Ihn umkleidet, ablegt, und uns die Augen und Herzen öffnet. Wenn Er offenbart, wie und wer Er in Wahrheit ist: Der göttliche Retter und Befreier, Der durch menschliche Ohnmacht und Scheitern, durch Leid und Tod hindurch dem Leben zum Sieg verhilft.
Amen

Lied: EG 79 (Wir danken dir, Herr Jesu Christ)

1. Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut,
2. und bitten dich, wahr’ Mensch und Gott, durch dein heilig fünf Wunden rot: Erlös uns von dem ewgen Tod und tröst uns in der letzten Not.
3. Behüt uns auch vor Sünd und Schand und reich uns dein allmächtig Hand, dass wir im Kreuz geduldig sein, uns trösten deiner schweren Pein
4. und schöpfen draus die Zuversicht, dass du uns wirst verlassen nicht, sondern ganz treulich bei uns stehn, dass wir durchs Kreuz ins Leben gehn.
(Text: Christoph Fischer (vor 1568) 1589 niederdeutsch, 1597 hochdeutsch; Melodie: Nikolaus Herman 1551)

Gebet

Jesus Christus, Herr und Bruder,
Du bist anders
als unsere Wünsche und Sehnsüchte uns glauben machen wollen:
Stärker und schwächer.
Erhabener und geringer.
Du verkündest die Ehre Gottes
und begleitest die Verachteten unter den Menschen.
Du bringst die Kraft Gottes
und bist mit den Schwachen.
Du schaffst Freiheit
und lässt Dich binden für die Gebundenen.
Du stehst an Gottes Stelle
und vertrittst doch die Schuldigen.
Du scheidest zwischen Wahrheit und Lüge
und nimmst die Gescheiterten in Schutz
vor dem Recht der Rechtschaffenen.
Du brauchst keine Gewalt
und weichst dem Opfer nicht aus.
Du willst das Leben für die Deinen
und gehst selbst dafür durch Leid und Tod.
Du Meister des Lebens,
an Dir sehen wir, was es heißt,
Mensch zu sein.
Durch Dein Antlitz hindurch
schauen wir das Antlitz Gottes.
Wo Du bist,
verwandelt sich die Welt.
Amen

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme, dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen

Der Herr segne uns und behüte uns;
der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über uns und sei uns gnädig;
der Herr erhebe Sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Amen

Musik zum Nachklang

(„Dietro Casa“ von L. Einaudi (geb. 1955))