Neujahr am 01.01.2021

Mitwirkende:
Beate Trapp (Lektorin),
Regina Henkel (Orgel),
Claus-Jürgen Reihs (Liturg und Prediger),

Glockenläuten und Orgelvorspiel

(Nicolas de Grigny (1671-1703), „Dialogue“, arrangiert von Karl-Peter Chilla)

Eröffnung und Begrüßung

L: Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.
G: Amen.
L: Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN,
G: der Himmel und Erde gemacht hat.
L: Der HERR sei mit euch!
G: und mit deinem Geist.
Herzlich willkommen zum digitalen Gottesdienst am ersten Tag des Jahres 2021! Ich grüße Sie und euch mit der Jahreslosung, die über diesem Tag und dem heute beginnenden Jahr steht: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Gottes Barmherzigkeit ist Auftrag zu Zusage zugleich. Gewissermaßen: die linke und die rechte Hand Gottes. Gott gibt mit vollen Händen für uns und durch uns. Lasst uns in diesem Gottesdienst Vergewisserung finden für unser Leben im neuen Jahr.

EG 58 „Nun lasst uns gehen und treten“

Nun lasst uns gehen und treten / mit Singen und mit Beten / zum Herrn, der unserm Leben / bis hierher Kraft gegeben.
Wir gehen dahin und wandern / von einem Jahr zum andern, / wir leben und gedeihen / vom alten bis zum neuen
durch so viel Angst und Plagen, / durch Zittern und durch Zagen, / durch Krieg und große Schrecken, / die alle Welt bedecken.
Denn wie von treuen Müttern / in schweren Ungewittern / die Kindlein hier auf Erden / mit Fleiß bewahret werden,
also auch und nicht minder / lässt Gott uns, seine Kinder, / wenn Not und Trübsal blitzen, / in seinem Schoße sitzen.
Ach Hüter unsres Lebens, / fürwahr, es ist vergebens / mit unserm Tun und Machen, / wo nicht dein Augen wachen.
Gelobet sei deine Treue, / die alle Morgen neue; / Lob sei den starken Händen, / die alles Herzleid wenden.
Lass ferner dich erbitten, / o Vater, und bleib mitten / in unserm Kreuz und Leiden / ein Brunnen unsrer Freuden.
Gib mir und allen denen, / die sich von Herzen sehnen / nach dir und deiner Hulde, / ein Herz, das sich gedulde.
Schließ zu die Jammerpforten / und lass an allen Orten / auf so viel Blutvergießen / die Freudentränen fließen.
Sprich deinen milden Segen / zu allen unsern Wegen, / lass Großen und auch Kleinen / die Gnadensonne scheinen.
Sei der Verlassnen Vater, / der Irrenden Berater, / der Unversorgten Gabe, / der Armen Gut und Habe.
Hilf gnädig allen Kranken, / gib fröhliche Gedanken / den hochbetrübten Seelen, / die sich mit Schwermut quälen.
Und endlich, was das meiste, / füll uns mit deinem Geiste, / der uns hier herrlich ziere / und dort zum Himmel führe.
Das alles wollst du geben, / o meines Lebens Leben, / mir und der Christen Schare / zum selgen neuen Jahre.

Vorbereitungsgebet

Guter Gott, am Neujahrstag richten wir unsere Gedanken nach vorne. Das fällt uns schwer. Immer wieder ziehen uns die Sorgen um die Zukunft in das vergangene Jahr, das wir schon das Corona-Jahr nennen. Wir bitten dich: Gib uns Mut für das Neue, willige Füße zum Aufbruch, tätige Hände zum Gestalten, ermutigende Worte für den Anfang. Ausdauer, Langmut mit uns und anderen, Zuversicht und vor allem deine Treue für das neue Jahr und unser Leben darin. Lass uns neu Orientierung finden an deiner Güte und Barmherzigkeit, amen.

Psalmgebet aus Psalm 103, 8-18

Barmherzig und gnädig ist der HERR,
geduldig und von großer Güte.

Er wird nicht für immer hadern
noch ewig zornig bleiben.

Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden
und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

Denn so hoch der Himmel über der Erde ist,
lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

So fern der Morgen ist vom Abend,
lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind;
er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,
er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da,
und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
über denen, die ihn fürchten,

und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen,
die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

Lesung

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Buch des Evangelisten Lukas im sechsten Kapitel:
Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Predigt

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,
für den Start ins Jahr habe ich diese Karte ausgewählt. Beim Betrachten des Bildes lege ich meine Beobachtungen mit der Jahreslosung aus.
Erste Beobachtung: Es geht um die Erde, um den ganzen Planeten. Im Jahr 2020 haben wir die Erkenntnis, dass es nur diese eine Erde für uns gibt mit der bitteren Erfahrung ergänzt, dass der Corona-Virus, das erstmalig in China auftrat, seine Reise um die Welt antrat und durch die Globalisierung überall seine krankmachende und tödliche Wirkung entfaltete. Grenzen, Mauern, Schlagbäume und Zollkontrollen interessieren ihn nicht, halten ihn nicht auf. Er tritt in Brasilien ebenso auf wie in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Indien ebenso wie in Italien. In Südkorea wie in Deutschland. Pandemie – das ist der Begriff dafür, der seither unseren Sprachschatz ergänzt.
Es geht um die Erde, um den ganzen Planeten. Die Vereinten Nationen und die EU haben erkannt, dass der Impfstoff gegen den Corona-Virus ebenso seine Reise um die Welt antreten muss. Nationale Interessen, verschiedene Weltanschauungen, religiöse Differenzen sollen ebensowenig Hemmnisse sein bei der Verteilung des Impfstoffs wie der Reichtum oder die Armut eines Landes. Hehre Worte und Absichtserklärungen, die ich voll und ganz unterstütze. Ich unterstütze sie nicht allein aus politischen Erwägungen, sondern aus christlichen Überzeugungen. Denn die Verteilung des Impfstoffs ist ebenso ein Akt der Barmherzigkeit wie der Kampf auf den Intensivstationen und das Einhalten der AHA+L-Regeln. Nach meiner Überzeugung ist sie es, die „die Welt / im Innersten zusammenhält“: die Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist nicht nur ein Auftrag für den Nahbereich und die Komfortzone, sondern auch für die Fernen und die Lernzone. Barmherzigkeit, Erbarmen aus echter Betroffenheit und echter Solidarität, weil es ans Herz und an den Verstand rührt, werden Menschen tätig und setzen sich für die ein, die selbst keine Stimme, kein Geld, keine Lobby haben.

Zweite Beobachtung: die Kontinente sind nicht in der richtigen Lage zueinander abgebildet. Sie scheinen auseinander zu driften. Die Abstände zwischen den Kontinenten werden größer, vor allem zwischen dem europäischen und afrikanischen Kontinent. Und ganz Mittelamerika ist verschwunden. Nordamerika sieht auch ganz anders aus, als ich es von Karten und dem Globus kenne. Es kommt mir so vor, dass sich die Zustände auf der Welt verschoben haben, dass eine einstmals vorhandene – gute – Ordnung abgelöst ist durch eine schlechtere Ordnung, dass dadurch Un-Ordnung entstanden ist. Wenn es ein deutscher Blick auf die Welt ist, der hier von der Künstlerin abgebildet ist, dann weist diese Darstellung darauf hin, wie wir auf die Welt schauen und was wir von ihr wahrnehmen: die mittelamerikanischen Staaten habe ich – und ich spreche tatsächlich nur von mir – aus dem Blick verloren. Mexiko, Nicaragua, Honduras, das waren früher einmal Länder, die mir im Bewusstsein waren, heute kommen sie höchstens noch als Länder vor, die in erschreckendster Armut leben und die nur zu oft durch Hurricans heimgesucht und verwüstet werden. Oder deren Kriminalitätsrate so hoch ist, dass ich es mir nicht mehr vorstellen kann. Und der afrikanische Kontinent? In der Kolonialzeit ausgebeutet und unterdrückt, dann in eine Unabhängigkeit entlassen, die zugleich die Mitverantwortung abgab. Dann als Deponie für europäischen Giftmüll missbraucht, und nun sich selbst überlassen, der Ausbeutung in den Erzminen, dem Hunger, der Dürre, der Verelendung. Ich würde mir wünschen, wenn auch auf der Agende unserer Kirchengemeinde die Partnerschaft mit Tansania einen Ort fände, wenn wir aus der Ferne in die Nähe kämen, wenn wir uns das Schicksal und den Glauben der afrikanischen Menschen zu Herzen gehen lassen würden. Barmherzigkeit üben: das hat mit kennenlernen zu tun, mit Respekt vor den eigenen Wegen, die in Afrika gegangen werden, auch mit der Aufarbeitung der Kolonialzeit und der Rückgabe derjenigen Kunstwerke, die durch Kolonialherren geraubt wurden.

Dritte Beobachtung: Rettungsringe und Papierschiffchen sind auf dem Meer verteilt. Sie sind einerseits Hinweise auf all diejenigen Projekte und Taten der Barmherzigkeit, die dazu beitragen, Menschenleben zu retten. Diejenigen, die sich in der Türkei, in Griechenland und auf den italienischen Inseln um gestrandete Flüchtlinge kümmern, sind solche Rettungsringe, Räder der Barmherzigkeit, die das tun, was geboten ist. Ein Dach über dem Kopf, Sicherheit, sauberes Wasser, ausreichend Nahrung. Gesundheitsversorgung, Hilfe bei Anträgen, ein schlichtes Willkommen. In der EU haben wir die Länder an den Außengrenzen damit beauftragt, dürfen sie aber nicht damit allein lassen; es ist barmherzig, den Helfenden zu helfen; den Dienern des Lebens zu dienen, den Barmherzigen barmherzig zu begegnen. Denn es ist eine gesamteuropäische Aufgabe. Meine, Ihre und unsere Barmherzigkeit drückt sich dann darin aus, dass wir alle politischen Prozesse unterstützen bzw. einfordern, die diese Barmherzigkeit vor Ort ermöglichen.
Die Papierschiffchen erinnern unmittelbar an die Flüchtlingsboote im Mittelmeer, oftmals kaum sicherer als ein Boot aus Papier. Wie kurze Zeit sich Boote aus Papier und Pappmaché auf dem Meer halten, konnte ich vor einigen Jahren bei einer Spaß-Regatta auf Wangerooge erleben, wo die meisten Boote schon nach einer Minute sanken. Ich deute die Papierschiffchen also als Zuspitzung hochseeuntauglicher Boote, mit denen sich Flüchtlinge nicht nur im Mittelmeer, sondern auch auf dem Atlantik und im Pazifik auf den Weg in einen rettenden Hafen machen. Und ich erkenne zugleich die Rettungsmission der EKD „Seawatch 4 – Wir schicken ein Schiff“, mit dem Menschen aus Lebensgefahr auf dem offenen Meer gerettet werden, als Akt der Barmherzigkeit an, für den ich meiner Kirche unendlich dankbar bin. Mit allen Vorbehalten – die Barmherzigkeit gegen die Flüchtenden bleibt unaufgebbar. Zugleich braucht es weitere politische Prozesse, um Fluchtursachen zu vermeiden und sichere Wege für Flüchtlinge zu finden.
Eine letzte Beobachtung: Die Windrose, die die Himmelsrichtungen anzeigt, ist in einen Rettungsring eingefasst. Was soll die Richtung sein, in die wir 2021 gehen wollen oder sollen oder dürfen oder müssen? Das Ziel ist stets die Barmherzigkeit. Das Ziel unseres Handelns ist die Barmherzigkeit, die Zuwendung zu denen, die Hilfe brauchen. In ihrer Not auf der Flucht. In ihrer Einsamkeit auf den Intensivstationen, in den Altenheimen, auf den Autobahnraststätten. Erbarmen gegen die Kinder, die morgens um sieben Uhr an der KiTa-Tür abgeholt und zum spätestmöglichen Zeitpunkt wieder abgeholt werden; Erbarmen gegen die, die nicht mitkommen in unserer schnell sich verändernden Zeit, die abgehängt werden und zum Zuschauen degradiert sind. Darum am Ende meine Bitte an uns als Gemeindeglieder: Augen auf für die Barmherzigkeit! Ohren auf für die Barmherzigkeit! Hände auf für die Barmherzigkeit! Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, amen.

Orgel-Meditation

(John Stanley (1713-1786), „Siciliano – andante“)

Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde,

und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.

Amen.

EG 419 „Hilf, Herr, meines Lebens“

Hilf Herr, meines Lebens, / dass ich nicht vergebens, / dass ich nicht vergebens, hier auf Erden bin.

Hilf Herr, meiner Tage, / dass ich nicht zur Plage, / dass ich nicht zur Plage, meinem Nächsten bin.

Hilf Herr, meiner Stunden, / dass ich nicht gebunden, / dass ich nicht gebunden, / an mich selber bin.

Hilf Herr, meiner Seele, / dass ich dort nicht fehle, / dass ich dort nicht fehle, / wo ich nötig bin.

Hilf Herr, meines Lebens, / dass ich nicht vergebens, / dass ich nicht vergebens, / hier auf Erden bin.

Fürbittengebet und Vaterunser

Barmherziger Gott, wir bitten dich:
Für die hungernden Menschen, dass sie sattwerden;
Für die flüchtenden Menschen, dass sie Schutz finden;
Für die armen Menschen, dass am Wohlstand teilhaben;
Für die erkrankten Menschen, dass sie gesund werden und ihnen geholfen wird;
Für die bedrohte Schöpfung, dass wir alle unseren ökologischen Fußabdruck verringern;
Für die sterbenden Wälder, dass sie geschützt und aufgeforstet werden;
Für die gefährdeten Vögel und Insekten, dass sie Lebensraum finden und Pestizide reduziert werden;
Für die Menschen, denen so viel zugemutet wurde durch Corona, dass du ihre Geduld stärkst und ihr Erbarmen weckst;
Für die Kirchen und Gemeinde, für alle, die an dich glauben, dass du uns auferbaust und unseren Glauben stärkst; dass du uns barmherzig sein lässt, im Tun wie im Verzicht.
Gemeinsam beten wir

Vater unser
Vaterunser im Himmel
geheiligt werde dein Name
dein Reich  komme
dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
und führe uns nicht in Versuchung
sondern erlöse uns von dem Bösen
denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Amen.

Segen

Der HERR segne Dich und behüte Dich,
der HERR lass leuchten Sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig,
der HERR erhebe Sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.
Amen, amen, amen.

Orgelnachspiel

(Josef Gruber (1855-1933), „Orgel-Präludium Nr. 10 andante“, op. 189)