Erster Sonntag nach dem Christfest am 27.12.2020

Mitwirkende:

Katrin Herting (Lektorin),
Regina Henkel (Orgel),
Claus-Jürgen Reihs (Liturg und Prediger)

Orgelvorspiel

(Friedrich Wilhelm Zachau (1663-1712): In dulci jubilo)

Eröffnung und Begrüßung

L: Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.

G: Amen.

L: Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN,

G: der Himmel und Erde gemacht hat.

L: Der HERR sei mit euch!

G: und mit deinem Geist. 

Herzlich willkommen zum digitalen Gottesdienst am ersten Sonntag nach dem Christfest! Ich grüße Sie und euch mit dem Wochenspruch, der über diesem Sonntag und der heute beginnenden Woche steht: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

EG 30 „Es ist ein Ros entsprungen“

Es ist ein Ros' entsprungen / aus einer Wurzel zart, / wie uns die Alten sungen, / von Jesse kam die Art / und hat ein Blümlein 'bracht / mitten im kalten Winter, / wohl zu der halben Nacht.

Das Röslein, das ich meine, / davon Jesaja sagt, / hat uns gebracht alleine / Marie, die reine Magd; / aus Gottes ew’gem Rat / hat sie ein Kind geboren / wohl zu der halben Nacht.

Das Blümelein so kleine, / das duftet uns so süß; / mit seinem hellen Scheine / vertreibt's die Finsternis. / Wahr' Mensch und wahrer Gott, / hilft uns aus allem Leide, / rettet von Sünd und Tod.

Psalmgebet aus Psalm 71

HERR, ich traue auf dich,
lass mich nimmermehr zuschanden werden.

Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus,
neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann,
der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

Gott, sei nicht ferne von mir;
mein Gott, eile, mir zu helfen!

Ich aber will immer harren
und mehren all deinen Ruhm.

Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit,
täglich deine Wohltaten, die ich nicht zählen kann.

Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN;
ich preise deine Gerechtigkeit allein.

Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt,
und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.

Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde,
bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern
und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.
Kommt, und lasst uns anbeten!

♫ Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen, Amen, Amen, Amen, Amen, Amen, Amen.

 

Kyrie und Gloria

L: Kyrie eleison
G: Herr, erbarme dich!
L: Christe eleison!
G: Christus, erbarme dich!
L: Kyrie eleison!
G: Herr, erbarme dich! 

Ehre sei Gott in der Höhe
Und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.
Gott in der Höh sei Preis und Ehr / den Menschen Fried auf Erden / Allmächtger Vater, höchster Herr, / du sollst verherrlicht werden. / Herr Jesus Christus, Gottes Sohn, / wir rühmen deinen Namen; / du wohnst mit Gott, / dem Heilgen Geist / im Licht des Vaters, amen.

Lesung: Lk 2, 22-38

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Buch des Evangelisten Lukas im zweiten Kapitel:

Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden. Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Predigt

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

Ihr wollt nicht an meiner Stelle sein! Erst diese unnötige Volkszählung. Naja, da muss man ja folgen, wenn es nicht zu Ärger kommen soll. Und Ärger war nun wirklich das Allerletzte, was ich gebrauchen konnte. Also ließ ich die römische Anordnung über uns ergehen. Uns – Ich war mit Maria unterwegs, klasse Frau, mit der werde ich alt – das habe ich mir geschworen. Maria war schwanger. Nicht von mir – aber ihr fester und gesegneter Blick ließen auch meine Zweifel an ihrer Treue zu mir ruhig werden. JHWH hatte offenbar etwas Besonderes mit ihr, mit uns, vor. Da lasse ich mich drauf ein. Wär ja auch blöde, wenn nicht. Nachher gibt’s noch Ärger mit Adonaj. Und wie das ausgehen kann, das brauchte ich nur in den Schriften nachzulesen. Er war da – sagen wir mal – eher konsequent. Ich sag nur Jona – ihr wisst schon. Also Bethlehem, und dann die Geburt – Gott sei Dank ging alles gut, Maria hat‘s toll gemacht und ich stand ziemlich hilflos dabei, na sei*s drum. Aber dann dieser Wonneproppen, da ging auch mir das Herz auf. Und – ihr könnt es mir glauben oder nicht: da ging auch die Welt auf: ein himmlisches Licht. Anders kann ich es nicht sagen. Das Rauschen der Engelsflügel, der himmlische Jubel, die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland - es war, als ob die ganze Welt Einzug hielt in diesem armseligen Stall. Beeindruckend – krass, wie ihr heute sagen würdet. Aber trotzdem: Es war auch ein bisschen viel Trubel, zu viel, wenn ihr mich fragt. Ich hätte doch auch lieber meine Ruhe gehabt. Still das Familienglück genossen. Naja, sollte nicht sein.

Nein, ihr wollt nicht an meiner Stelle sein! Eine Woche im Stall, das ging ganz gut. Dann die Reise nach Jerusalem. Im Tempel anstellen, die Geburt des Erstgeborenen anmelden. Die Beschneidung. So wie es Sitte und Brauch bei uns ist. Ab jetzt gehört der kleine Jeschua auch zum Volk des Einen. Da kommen wir also in den Tempel. Voller Freude. Endlich wieder am religiösen Leben teilnehmen, die Zeit des Wartens ist vorbei. Und dann? Kommt da ein wildfremder Mann auf uns zu. Und nimmt uns unseren Sohn ab. Ja, geht’s noch? Da werde ich aber grantig. Der ist doch nicht jedermanns Kind, sondern unser Sohn. Ich habe ja nun wirklich einige Zeit gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, dass dieses mein Kind ist, dass ich verantwortlich für ihn bin. Und jetzt soll ich ihn einem wildfremden Mann überlassen. Nicht mal ein Priester ist er, halt so ein Normalo, wie wir auch. Gerade ist der Erstgeborene ein paar Tage alt, und schon greifen fremde Hände nach ihm. Wer weiß, was der vorhat? Hat selber vielleicht kein Kind und sucht nach einer günstigen Gelegenheit, sich eins zu stehlen? Aber doch sicher nicht im Tempel? Da müsste ihn doch gleich der Zorn Adonajs treffen. Ihr könnt euch vorstellen, wie es in mir aussieht. Gefühlstohuwabohu, alles geht durcheinander: Zorn und Wut und Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Ich kenn den Typ nicht mal. Später sagt er seinen Namen: Simeon. Er nimmt mir also meinen Jeschua aus meinem Arm und betet mit ihm zu Adonaj, sagt ihm die Zukunft voraus: Heiland Adonajs, Licht der Heiden. Da merke ich, dass meine Empörung in sich zusammenfällt, dass sich das Chaos in mir legt. Und langsam dämmert es mir: Das ist NICHT mein Kind, wenigstens nicht allein mein Kind. Es ist Kind unseres Volkes: aus unserem Volk Israel, für unser Volk Israel und darüber hinaus für all die anderen Völker: Griechen, Römer, die verhassten Römer? Für unser Volk: für alle Gruppen: die frommen Pharisäer, die manchmal so scheinheilig sind! Die abgehobenen Schriftgelehrten, die nicht wirklich arbeiten! Die Sadduzäer, die die religiöse Richtung vorgeben. Für die Landarbeiter, die Saisonarbeiter auf unseren Gemüsefeldern zum Spargelstechen und der Erdbeerernte, die Lohnsklaven, die rumänischen Fleischzerleger, die serbischen Bauarbeiter, die vietnamesischen LKW-Fahrer,

die polnischen Krankenschwestern. Für die systemrelevanten und die, die das System nach und nach aber umso zuverlässiger schluckt. NICHT mein Kind, sondern EUER Kind. Für euch geboren …

Ihr wollt nicht an meiner Stelle sein! Ich hätte gern einen holden Knaben mit lockigem Haar gehabt, einer der sich später verlässlich um den Betrieb kümmert, Zimmerleute sind gefragt und er sollte doch das Geschäft weiterführen, dann hätte ich auch im Alter mit Maria noch ein gutes Einkommen. Aber alles, was ich ihm an handwerklichen Fertigkeiten beibringe, steht unter dem Vorbehalt: für die Schublade gelernt. Mein Lebensplan für Jeschua ist nur ein Plan B, eine mögliche Unmöglichkeit, denn er soll und will ja ganz anders unterwegs sein.

Ich hätte gerne einen Sohn gehabt, der verlässlich in meiner Nähe ist. Von mir aus auch als Gottes Sohn. Das wollt ihr doch auch: dass euch der Christus nahe ist. Und wie erlebt ihr es, wenn er sich anderen Menschen als euch zuwendet, wenn er anderes als euer persönliches Wohlergehen im Blick hat, wenn er sich von euch distanziert, wenn ihr seinen Ansprüchen nicht genügt, wenn ihr ihn halten wollt, er sich aber nicht halten lässt, wenn ihr ihn sehenden Auges vor die Hunde gehen seht, wenn ihr ahnt, dass er Schwierigkeiten bekommen wird, dass er sich Ärger einhandelt, dass er auf krummen Wegen geht, zwar nicht auf schiefer Bahn, aber auch nicht auf geradem Weg, dann geht es auch euch durchs Herz, und ihr wollt ihn zurückholen zu euch, aber ihr merkt, dass es keine väterliche Bindung mehr gibt, dass sie durchtrennt ist, wie ein Faden. Dass ihr ihn gehen lassen müsst, seinen Weg, nicht euren Weg. Und wenn es sein soll, dann kreuzt er euren Weg wieder und dann werdet ihr genau das bekommen, was ihr braucht.

Orgel-Meditation: Georg Friedrich Händel (1685-1759): Larghetto

Glaubensbekenntnis

EG 45 „Herbei. O Ihr Gläubgen!“

Herbei, o ihr Gläubigen, / fröhlich triumphierend, / o kommet, o kommet nach Bethlehem! / Sehet das Kindlein, uns zum Heil geboren! / O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, / o lasset uns anbeten den König!

Du König der Ehren, / Herrscher der Heerscharen / verschmähst nicht, zu ruhen in Mariens Schoß. / Gott, wahrer Gott, von Ewigkeit geboren! / O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, / o lasset uns anbeten den König!

Kommt, singt dem Herren, / o ihr Engelchöre, / frohlocket, frohlocket, ihr Seligen: / Ehre sei Gott im Himmel und auf Erden! / O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, / o lasset uns anbeten den König!

Dir, der du bist heute / Mensch für uns geboren, / o Jesu, sei Ehre und Preis und Ruhm! / Dir, Fleisch gewordnes Wort des ew’gen Vaters! / O lasset uns anbeten, o lasset uns anbeten, / o lasset uns anbeten den König!

Fürbittengebet

Barmherziger Gott, wir bitten dich:

ermutige uns zu mehr Offenheit untereinander: Lass uns vertrauensvoll sagen, wonach wir uns sehnen; lass uns verständnisvoll hören, worunter wir leiden: Verständnis für unsere Schwächen, Vergebung für unsere Schuld, Trost für unsere Niedergeschlagenheit und Stärkung in allem, was uns Angst macht. Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich

Wir bitten dich für alle, die gerade in diesen Tagen ein schweres Herz haben; für die, die nicht mehr zu Hause in den eigenen vier Wänden leben, die im Moment keinen leiblichen Kontakt zu ihren Angehörigen haben können: die Vereinsamten, die Ruhelosen und Verzweifelten. lass sie nicht allein bleiben, nicht zerbrechen, lass sie nicht kapitulieren. Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich.

Wir bitten dich für alle, die sich verschlossen haben gegen die Frohe Botschaft der Weihnacht und gegen dein heilsames Wort, für die Spötter und die Gleichgültigen: erschließe dich ihnen auf ganz neue Weise, lass sie den Mehrwert deines Wortes verstehen, verzeih ihnen die Überheblichkeit. Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich!

Wir bitten dich für die Enttäuschten und Verbitterten und für alle, die Hass predigen statt Liebe, Unterwerfung statt Befreiung, Tod statt Frieden. Lass sie nicht bleiben, wie sie sind. Erweiche sie, verändere sie, öffne sie für dich und das Leben. Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich!

Schließlich bitten wir dich für alle, die auch heute einfach nur glücklich sind. Behüte die Liebenden, schütze die Ausgelassenheit der Kinder, ermutige zu Gemeinschaft auf Entfernung. Lass das Licht der Freude nicht verlöschen und erhalte allen, die gern leben, ihre Lebenslust. Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich!

Gemeinsam beten wir

Vaterunser

Segen

Der HERR segne Dich und behüte Dich,
der HERR lass leuchten Sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig,
der HERR erhebe Sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.
Amen, amen, amen.

Orgelnachspiel

(Josef Gruber (1855-1933), Orgelpräludium für die Weihnachtszeit, op- 189 Nr. 7)