2. Sonntag nach dem Christfest am 03.01.2021

Mitwirkende:
Jürgen Engelmann (Lektor),
Regina Henkel (Orgel),
Claus-Jürgen Reihs (Liturg und Prediger)

Glockenläuten und Orgelvorspiel

(Josef Gruber (1855-1933): „Orgelpräludium" op. 189 Nr. 8)

Eröffnung und Begrüßung

L: Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.
G: Amen.
L: Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN,
G: der Himmel und Erde gemacht hat.
L: Der HERR sei mit euch!
G: und mit deinem Geist.
Herzlich willkommen zum digitalen Gottesdienst am zweiten Sonntag nach dem Christfest! Ich grüße Sie und euch mit dem Wochenspruch, der über diesem Tag und der heute beginnenden Woche steht: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ Gottes Herrlichkeit findet ihre menschliche Gestalt in Jesus Christus. An ihm ist sie sichtbar und erkennbar. Als Heiligenschein wie in den alten Darstellungen, als lichtvoller Glanz wie in dem Choral, den wir nun singen: „Auf, Seele, auf und säume nicht!“

EG 73 „Auf, Seele, auf und säume nicht“

Auf, Seele, auf und säume nicht, / es bricht das Licht herfür; / der Wunderstern gibt dir Bericht, / der Held sei vor der Tür, / der Held sei vor der Tür.

Geh weg aus deinem Vaterhaus / zu suchen solchen Herrn / und richte deine Sinne aus / auf diesen Morgenstern, / auf diesen Morgenstern.

Gib Acht auf diesen hellen Schein, / der aufgegangen ist; / er führet dich zum Kindelein, / das heißet Jesus Christ, / der heißet Jesus Christ.

Drum mache dich behände auf, / befreit von aller Last, / und lass nicht ab von deinem Lauf, / bis du dies Kindlein hast, / bis du dies Kindlein hast.

Halt dich im Glauben an das Wort, / das fest ist und gewiss; / das führet dich zum Lichte fort / aus aller Finsternis, / aus aller Finsternis.

Voebereitungsgebet

Gott, wir hören vom Aufbruch, von Veränderung und neuem Anfang. Das fällt uns schwer. Zu fest sind wir eingebunden in die Strukturen unseres Lebens: die Familie, der Beruf, das Dorf, die Stadt. Aber auch in unsere Denkmuster, unsere bewährten Entscheidungen, unser erprobtes Zaudern. Wir sind ganz gut eingewoben in das Netz unseres eigenen Lebens. Und trotzdem spüren wir, dass das auch Stillstand bedeutet, Selbstgenügsamkeit und Versäumnis. Wir bitten dich, dass du uns in diesem Gottesdienst einen Geschmack für das Neue gibst, für das Andere, für den anderen, für dich und Jesus und den Heiligen Geist. Hilf uns aufbrechen, die harte Kruste der Gewohnheit zu sprengen und empfänglich zu werden für dein Licht und dein Wort. Hilf uns zu glauben. Amen.

Psalmgebet aus Psalm 100, 1-5

Jauchzet dem HERRN, alle Welt!

Dienet dem HERRN mit Freuden,

kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!

Erkennet, dass der HERR Gott ist!

Er hat uns gemacht und nicht wir selbst

zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.

Gehet zu seinen Toren ein mit Danken,

zu seinen Vorhöfen mit Loben;

danket ihm, lobet seinen Namen!

Denn der HERR ist freundlich,

und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.

Lesung

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Buch des Evangelisten Lukas im zweiten Kapitel, in den Versen 41 bis 52:
Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Predigt

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,
den Predigttext durchzieht eine sprachliche Spannung. Es ist die Spannung zwischen gehen und bleiben. Maria und Josef gehen: mal mit Jesus, mal ohne ihn. Sie sind unterwegs zwischen Alltag und Festtag, zwischen Gott und Welt. Jesus bleibt: im Tempel, in seines Vaters Haus, im Kraftfeld der göttlichen Liebe.
Mit Maria und Josef sind die meisten von uns vertraut. Wir gehen wie sie durch unser Leben: zeugen, gebären, erziehen Kinder, arbeiten gegen Entgelt und unentgeltlich, sind eingebunden in die größeren Zusammenhänge von Sippe und Dorf, von Arbeitszeiten und Festzeiten. Wie Maria und Josef zum Passafest einmal im Jahr eine Wallfahrt unternehmen, so unternehmen viele Gemeindeglieder eine Wallfahrt zur Kirche am Heiligen Abend. Oft in einer Gruppe, die aber natürlich überschaubar bleibt. Unsere Sippen sind kleiner geworden, unsere Individualität ist gewachsen, Privatheit hat einen viel höheren Wert bekommen als zu biblischen Zeiten. Im Jahr 2020 und auch jetzt am Beginn des Jahres 2021 wird der Rückzug ins Private durch die Corona-Pandemie noch verstärkt. Ausflüge, Wanderungen, Reisen, Pilgerfahrten und Kirchgänge sind im Moment tunlichst zu unterlassen. Die staatlichen Behörden von der Bundeskanzlerin angefangen über unseren Ministerpräsidenten bis hin zu Landrat und Bürgermeistern werden nicht müde zu betonen, wie wichtig es ist, auf leibliche Gemeinschaft zu verzichten. Und auch als Presbyterium haben wir beschlossen, die Präsenzgottesdienste auszusetzen und sehen uns darin unterstützt von dem Kreissynodalvorstand mit dem Superintendenten und der Kirchenleitung mit der Präses. Soweit – so gut.
Mit der Erzählung aus dem Lukasevangelium bricht dann aber doch auch die Frage auf: Wohin gehen wir, wenn wir nicht gehen? Der biblische Text bietet eine Möglichkeit an: mit Maria und Josef auf die Suche gehen. Nach dem, was wirklich wichtig ist. Nach dem, was wir meinen verloren zu haben. Nach dem, was von uns fortgegangen ist. Meistens ist es ja so, dass wir gerade das am meisten begehren, was wir gerade vermissen. Das ist an der Oberfläche unsere erlernte Reaktion in der Konsumgesellschaft, wo das Konsumierte schon nach wenigen Stunden seinen Reiz, seine Schönheit und seinen Wert verliert, und wo das Konsumieren an sich umso wichtiger zu sein scheint: „Ich kauf mir was, kaufen macht so viel Spaß! Ich könnte ständig kaufen gehen, kaufen ist wunderschön!“ (Herbert Groenemeyer). Aber unter der Oberfläche, in der Tiefe unseres Wesens gibt es auch den Impuls zur Suche: Was ist wirklich wichtig? Das, was einem auf dem Sterbebett wirklich zu schaffen macht, weil es nicht da ist und nicht eingeholt werden kann: Was Sterbende am meisten vermissen, ist dies: Versöhnung und Erbarmen. Niemand ist traurig darüber, nicht noch mehr Geld verdient zu haben;  niemand bereut es, kein größeres Auto gefahren zu sein oder nicht in einem Einfamilienhaus mit Garten gewohnt zu haben. Wonach also suchen wir: nach Annahme. Nach Geborgenheit. Nach Verständnis. Nach einem DU, in dem wir aufgehoben sind. Nach Hingabe, nach dem Trotzdem. Der christliche Glaube vertraut darauf, dass all das bei Jesus Christus zu finden ist. Er ist das Licht, dessen Strahlen Geborgenheit, Annahme, Vergebung und Versöhnung heißen, dessen Glanz das Erbarmen ist. Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute die Möglichkeit haben, dieser Verheißung nachzugehen, nachzudenken, nachzuspüren, nachzuglauben, nachzuhandeln. Und vielleicht erleben Sie das, was auch die Eltern Jesu erlebten: den Schmerz der Suche: das pochende Herz, den suchenden Blick, das lauschende Ohr, die drängenden Fragen und das begierige Aufnehmen der Hinweise. Vielleicht erleben Sie wie Maria und Josef die Empörung darüber, dass es Ihnen überhaupt abhandengekommen war. Eine Empörung – sie erwächst aus der Sicherheit, dass wir ein Recht auf Geborgenheit, Annahme, Vergebung und Versöhnung hätten; dass wir uns darauf stets berufen könnten, es zur Verfügung hätten oder es einklagen könnten. Aber vielleicht ist es auch eine andere Empörung über die eigene Scham, dass Ihnen diese Verheißung abhandengekommen ist; Empörung über den Verlust der Gewissheit, dass Sie nicht Inhaber*in aller Lebensnotwendigkeiten sind, dass Sie all das nicht besitzen, sondern dass es Ihnen entzogen ist und bleibt, und dass es an Gott ist, damit hauszuhalten und zuzuweisen. Und vielleicht werden Sie darüber ein wenig demütiger und bescheidener. Und dankbarer und freudiger. Das fehlt noch bei Maria und Josef, aber ich halte es für eine logische Konsequenz.

Und dann die andere Frage: Wo bleiben wir, wenn wir zuhause bleiben? Der biblische Text bietet auch dafür eine Möglichkeit an: mit dem zwölfjährigen Jesus drei Tage im Tempel bei den Schriftgelehrten und Pharisäern bleiben. Zu einem Gespräch auf Augenhöhe. Über Gott und die Welt. Bleiben bei dem, was wirklich wichtig ist. Damit zu rechnen, dass es Wahrheit für mich gibt. Die Wahrheit des Lebens ist in der jüdischen wie in der christlichen Tradition weder etwas, das Sie wie ein dummer Schüler / eine dumme Schülerin eingetrichtert bekommen; noch ist es etwas, dass sich allein aus der eigenen Phantasie oder einer obskuren Theorie entwickelt; sondern es ergibt sich im interessierten und gelehrten Gespräch, in der Auseinandersetzung, im geistlichen Streit, in der Abwägung der Argumente und in der Rückbindung an die Offenbarung des Willens Gottes in der Heiligen Schrift. Und dabei geschieht es – dann und wann, nicht immer und keineswegs selbstverständlich – dass Sie selbst von der Weisheit des Lebens ergriffen werden und erkennen: Ich bin bezogen auf Gott, JHWH, Adonaj, den Unbenannten und doch Bekannten. An ihm hänge ich von Kind an bis ins hohe Alter. Er ist die bleibende Konstante in meinem Leben. Bei ihm muss ich bleiben, wie Jesus. Nicht aus äußerem Zwang, sondern aus innerer Notwendigkeit. Weil ich es für mich erkenne und bejahe. Und vielleicht suchen Sie das Gespräch darüber, mit den Geschichten in den Evangelien, in den anschaulichen Erzählungen des Ersten Testaments, in den anspruchsvollen Briefen des Apostels Paulus. Und vielleicht reden Sie mit anderen darüber. Vielleicht fragen Sie mal die Pfarrerin / den Pfarrer danach, ob es nicht einen Kreis geben kann, der gemeinsam in der Bibel liest und sich mit dem Bleiben und Gehen auseinander setzt. Mit Staunen in den Augen, mit Wärme in den Herzen, mit Röte im Gesicht, mit Freude im Gemüt. So hat unser Gehen und unser Bleiben eine Verheißung.
Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, amen.

Meditation nach der Predigt

(Gustav Gunsenheimer (geb. 1934): Wie schön leuchtet der Morgenstern")

Glaubenbekenntnis

Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde,

und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.

Amen.

EG 56 „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, / kann unsre Nacht nicht traurig sein! / Der immer schon uns nahe war, / der stellt sich als Mensch den Menschen dar.  
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, / kann unsre Nacht nicht traurig sein! / Bist du der eignen Rätsel müd? / Es kommt, der alles kennt sieht!
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, / kann unsre Nacht nicht traurig sein! / Er sieht dein Leben unverhüllt, / zeigt dir zugleich ein neues Bild.   
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, / kann unsre Nacht nicht traurig sein! / Nimm, an des Christus Freundlichkeit, / trag seinen Frieden in die Zeit!
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, / kann unsre Nacht nicht traurig sein! / Schreckt dich der Menschen Widerstand, / bleib ihnen dennoch zugewandt!
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, / kann unsre Nacht nicht endlos sein!

Fürbittengebet und Vaterunser

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, / kann unsere Nacht nicht traurig sein.
Ja, so singen wir es hinter Masken. / Rufen es unter Bäumen und zwischen Häusern. / Ja, so flüstern wir es in unseren Wohnungen und in Krankenzimmern.
 
Du, Gott, hör das Lied unserer Hoffnung und vertreibe die Traurigkeit.
Erscheine in diesem Jahr an der Seite der Kranken auf den Intensivstationen,
in den Heimen und Asylen, bei allen, die bangen und in Angst sind.
Erbarme dich.

Du, Gott, hör das Lied unseres Glaubens und vertreibe die Traurigkeit. Erscheine in diesem Jahr an der Seite der Suchenden in Schulen und Laboren, in den Gemeinden und Kirchen, bei allen, die enttäuscht und in Sorge sind.
Erbarme dich.

Du, Gott, hör das Lied unserer Liebe und vertreibe die Traurigkeit. Erscheine in diesem Jahr an der Seite unserer Kinder. Geh mit unseren Liebsten mit und geh auch mit denen mit, die uns zu tragen geben.
Erbarme dich.

Dein Licht und Segen mache dieses neue Jahr zu einem glücklichen Jahr für uns und für alle Welt durch Jesus Christus. Amen.
Gemeinsam beten wir

Vater unser
Vaterunser im Himmel
geheiligt werde dein Name
dein Reich  komme
dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
und führe uns nicht in Versuchung
sondern erlöse uns von dem Bösen
denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Amen.

Segen

Der HERR segne Dich und behüte Dich,
der HERR lass leuchten Sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig,
der HERR erhebe Sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.
Amen, amen, amen.

Orgelnachspiel

(G. Fr. Händel (1685 - 1759) „Largo“, arr. Karl-Peter Chilla)