1. Sonntag nach Epiphanias am 10.01.2021

Mitwirkende:
Beatrix Hachtkemper,
Katrin und Meinolf Herting,
Pfrn. Almuth Reihs-Vetter

Glockengeläut und Musik zum Eingang

(Das alte Jahr vergangen ist (Johann Sebastian Bach, 1685-1750 - BWV 614))

Eröffnung und Begrüßung

P: Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.
G: Amen.
P: Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
G: Der Himmel und Erde gemacht hat.
P: Der Herr sei mit euch.
G: Und mit deinem Geist.

Herzlich willkommen zum Gottesdienst am 1. Sonntag nach dem Epiphanias-Fest. Wir feiern diesen Gottesdienst im Zeichen der Herrlichkeit Gottes, die sich unter uns offenbart in dem Kind von Bethlehem, in dem Mann, der lehrt und heilt, Menschen sättigt und lebendig macht, in dem Gekreuzigten und Auferstandenen.
In Seinem Licht werden wir gewahr, was wir selber sind:
nämlich Gottes Kinder.
So sagt es der Wochenspruch für diese Woche:
Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder (Röm. 8, 14)

Eingangsgebet

Lasst uns still werden vor Gott und Ihm unser Herz öffnen,
dass Gott mit Seinem Licht darin einziehe.

Gott, ewiger Schöpfer,
Du hast die Welt geschaffen
und alles, was ist, kommt von Dir.
Ein tiefer Riss geht durch die Schöpfung.
Wir spüren:
Noch ist nicht das, was sein soll.

STILLE

Jesus Christus, ewiger Sohn,
Du hast mit Deinem Kommen die Welt erlöst
und doch sehen wir das Heil noch nicht.
Wir erleben:
Noch ist nicht das, was werden soll.

STILLE

Heilige Geistkraft, ewige Liebe,
Du hast mit Deiner frohen Botschaft die Erde umrundet;
Völker und Nationen wissen von Dir.
Und doch bleiben viele Herzen verschlossen.
Wir wissen:
Noch ist nicht das, was kommen soll.

STILLE

Dreieiniger Gott,
Du verwandelst das Antlitz der Erde,
Du machst neu, was auf ihr lebt
und vollendest auch uns.
Bring uns ans Ziel.
Lass uns Ruhe finden in Dir.
Amen

EG 70, 1-4: Wie schön leuchtet der Morgenstern

1. Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben. (Jes 11,1; Offb 22,16)
2. Ei meine Perl, du werte Kron, wahr’ Gottes und Marien Sohn, ein hochgeborner König! Mein Herz heißt dich ein Himmelsblum; dein süßes Evangelium ist lauter Milch und Honig. Ei mein Blümlein, Hosianna! Himmlisch Manna, das wir essen, deiner kann ich nicht vergessen.
3. Gieß sehr tief in das Herz hinein, du leuchtend Kleinod, edler Stein, mir deiner Liebe Flamme, dass ich, o Herr, ein Gliedmaß bleib an deinem auserwählten Leib, ein Zweig an deinem Stamme. Nach dir wallt mir mein Gemüte, ewge Güte, bis es findet dich, des Liebe mich entzündet.
4. Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein gar freundlich tust anblicken. Herr Jesu, du mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut mich innerlich erquicken. Nimm mich freundlich in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.
(Text und Melodie: Philipp Nicolai 1599; Satz: Johann Sebastian Bach 1731)

Psalmgebet: Psalm 89, 2-5.27-30 mit EG 639

♫ Ja, ich will singen, ich will singen von der Gnade des Herrn und seine Wahrheit, und seine Wahrheit verkünden Tag für Tag. (EG 639 – Text: Ps. 89, 2; Melodie: Reinhold Kurth um 1940; Satz: Paul Ernst Ruppel 1981)♫

Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich
und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für;

denn ich sage: Auf ewig steht die Gnade fest;
du gibst deiner Treue sicheren Grund im Himmel.

„Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Auserwählten,
ich habe David, meinem Knechte, geschworen:

Ich will deinem Geschlecht festen Grund geben auf ewig
und deinen Thron bauen für und für.

Er wird mich nennen: Du bist mein Vater,
mein Gott und der Hort meines Heils.

Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen,
zum Höchsten unter den Königen auf Erden.

Ich will ihm ewiglich bewahren meine Gnade,
und mein Bund soll ihm fest bleiben.

Ich will ihm ewiglich Nachkommen geben
und seinen Thron erhalten, solange der Himmel währt.“

♫ Ja, ich will singen, ich will singen von der Gnade des Herrn und seine Wahrheit, und seine Wahrheit verkünden Tag für Tag.
(EG 639 – Text: Ps. 89, 2; Melodie: Reinhold Kurth um 1940; Satz: Paul Ernst Ruppel 1981)♫

Lesung des Predigttextes

Der Predigttext für den 1.Sonntag nach dem Epiphanias-Fest steht im Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom, in Kapitel 12. 

Brüder und Schwestern,
bei der Barmherzigkeit Gottes
ermutige ich euch:
Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung.
Es soll wie ein lebendiges und heiliges Opfer sein,
das ihm gefällt.
Das wäre für euch die vernünftige Art,
Gott zu dienen.
Und passt euch nicht dieser Zeit an.
Gebraucht vielmehr euern Verstand in einer neuen Weise
und lasst euch dadurch verwandeln.
Dann könnt ihr beurteilen,
was der Wille Gottes ist:
Ob etwas gut ist,
ob es Gott gefällt
und ob es vollkommen ist.

Bei der Gnade,
die Gott mir geschenkt hat,
sage ich jeder und jedem Einzelnen von euch:
Überschätzt euch nicht
und traut euch nicht mehr zu,
als angemessen ist.
Strebt lieber nach nüchterner Selbsteinschätzung.
Und zwar jede*r so,
wie Gott es für sie und ihn bestimmt hat -
und wie es dem Maßstab des Glaubens entspricht.

Es ist wie bei unserm Körper:
Der eine Leib besteht aus vielen Körperteilen,
aber nicht alle Teile haben dieselbe Aufgabe.
Genauso bilden wir vielen Menschen,
die zu Christus gehören,
miteinander einen Leib.
Aber einzeln betrachtet
sind wir wie unterschiedliche
und doch zusammengehörende Körperteile.
Wir haben verschiedene Gaben,
je nachdem,
was Gott uns in seiner Gnade geschenkt hat:
Wenn jemand die Gabe hat, als Prophet zu reden,
soll er das in Übereinstimmung mit dem Glauben tun.
Wenn jemand die Gabe hat, der Gemeinde zu dienen,
soll sie als Lehrerin wirken.
Wenn jemand die Gabe hat zu ermutigen,
soll er Mut machen.
Wer etwas gibt,
soll das ohne Hintergedanken tun.
Wer für die Gemeinde sorgt,
soll sich voll einsetzen.
Wer sich um die Notleidenden kümmert,
soll Freude daran haben.

Worte der Heiligen Schrift.

Predigt zu Röm. 12, 1-8

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde,
Heiligabend 2020. Seit sie laufen kann, ist Renate an diesem Tag in die Kirche gegangen. Ohne den großen leuchtenden Weihnachtsbaum, das Krippenspiel der aufgeregten Kin-der, das Lauschen auf die Worte der Weihnachtsgeschichte und deren Auslegung in dichtgedrängten Kirchenbänken, ohne das andächtige Singen von „Stille Nacht, heilige Nacht“ und dem jubilierenden "Oh du fröhliche“ am Ende kann sie sich Weihnachten nicht vorstellen... - „In diesem Jahr ist alles anders!“ Wie oft hat sie den Satz in den letzten Wo-chen gehört. „SCHÖN anders“, sagen manche in wild entschlossener Zuversicht, aber Renate hat ihre Zweifel. Sie hatte sich schon schwer ein Bild machen können, wie unter Corona-Bedingungen Weihnachtszauber entstehen sollte – mit nur wenigen Menschen in der Kirche, auf Abstand und mit Masken, ohne Singen, ohne Krippenspiel. Ob Weih-nachtsbaum, Krippe und Predigt das allein schaffen könnten? Aber jetzt haben sich diese Überlegungen erübrigt. Vor wenigen Tagen hat die Gemeindeleitung beschlossen, dass es gar keine Präsenzgottesdienste geben soll. Der Inzidenzwert ist so rasant gestiegen, da wolle man kein Risiko eingehen. In diesem Jahr wird alles anders, GANZ anders… Aber wie? Es war immer so leicht und auch wohltuend gewesen, sich in die Jahr für Jahr wiederkehrenden, vertrauten Abläufe zu Weihnachten hineinfallen lassen zu können. Sie waren ihr ans Herz gewachsen, berührten ihr Innerstes, so dass auch der erwachsenen Frau noch wie einst dem kleinen Mädchen weihnachtsglitzerig zumute wurde. In diesem Jahr muss sie Weihnachten irgendwie neu für sich erfinden. Und sie hat keine Ahnung, wie. Einen Fernsehgottesdienst zu Weihnachten kann sie sich nicht vorstellen; sie will doch nicht nur Zuschauerin sein. Ein Gottesdienst über die Homepage der Gemeinde kommt schon gar nicht in Frage, mögen sie sich noch so viel Mühe gegeben haben. Schließlich setzt sich Renate an ihre kleine Krippe im Wohnzimmer. Das Gesicht des Je-suskindes glänzt im Licht der Sternenkette; Josef scheint in seinem Blick zu ertrinken, Ma-ria hält segnend die Hände über beide, der Tannenzweig mit dem Strohstern daran neigt sich zärtlich über die Szene. Renate entzündet die dicke Bienenwachskerze und genießt das sanfte Licht und den sich ausbreitenden Honigduft. Sie nimmt das kleine Heft zur Hand, das vor ein paar Tagen in ihrem Briefkasten lag: „Weihnachten daheim. Anregung für eine besondere Zeit…“. Sie liest die Weihnachtsgeschichte. Sie tut es laut, obwohl sie allein lebt. Aber sie muss die Worte zum Klingen bringen, will sie selber hören, sich darin einhüllen – und Maria und Josef mit dem Kind lauschen aufmerksam mit: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…“ Danach Stille. Re-nate betet. Ohne Worte. Sie hält dem Kind in der Krippe einfach ihr Herz hin – mit all der Schwere und Traurigkeit, mit der Sehnsucht nach einem geöffneten Himmel, nach Weih-nachtsfreude und Lobgesang. Sie setzt sich ans Klavier. Allein für sich lässt sich wenigs-tens ohne Hemmungen singen. Vom Himmel hoch – Stille Nacht – Es ist ein Ros ent-sprungen…
Gegen Abend zieht es sie dann doch zur Kirche. Sie weiß, die Tür ist verschlossen, aber sie sieht schon von weitem die Lichter am Baum leuchten. Daneben die Kerzen auf dem Gebetstisch. Da waren heute wohl schon einige da. Auch Renate zündet eine Kerze an und stellt sie behutsam ins Glas. „Ehre sei Dir, Gott in der Höhe! Gib uns Frieden auf Er-den, Gesundheit und Zukunft!“ Von der Wäscheleine nimmt sie sich eine Weihnachtstüte mit. Die Predigt wird sie zuhause in Ruhe lesen. Dann tritt sie an den Weihnachtsbaum. „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter…“ – beginnt es in ihrem Innern zu singen. Das war das Lieblingslied ihres Vaters gewesen. „Du grünst nicht nur zur Sommerszeit, nein auch im Winter, wenn es schneit. Oh Tannenbaum, oh Tannen-baum, wie treu sind deine Blätter!“ Oh, und dieser Baum grünt nicht nur. Er leuchtet auch nicht nur wie andere Weihnachtsbäume, er trägt sogar Früchte. Irgendjemand hat Bot-schaften hineingehängt. Renate hat sie erst gar nicht gesehen. „Hoffnung“ liest sie. „Ver-trauen“ – „Liebe“ – „Mut“ – „Barmherzigkeit“ – „Segen“. Einzelne Worte wie Zurufe. Zu-sprüche eines Fremden, der plötzlich ganz nah rückt. Worte, die die Weihnachtsbotschaft in wenigen Buchstaben auf den Punkt bringen. Und als würden sie direkt aus dem Himmel fallen direkt in Renates Herz treffen. Sie spürt, wie etwas in ihr aufbricht. Tränen stehen ihr in den Augen. Weihnachtsglitzerige Tränen: Die Kirchentür ist verschlossen. Aber die Welt steht uns offen. Und in ihr wird die Weihnachtsbotschaft laut. Für Renate in diesem Mo-ment. Dank jenes namenlosen „Worte-Schenkers“. Am leuchtenden Weihnachtsbaum vor verschlossener Kirchentür.
Auf dem Heimweg ist ihr Schritt leicht und beschwingt, als wäre etwas von ihr abgefallen. Sie denkt an die Hirten der Weihnachtsgeschichte. War es ihnen nicht ähnlich ergangen?: Nachdem die Stalltür von Bethlehem sich hinter ihnen wieder geschlossen hatte, „kehrten sie um und priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war“. Sie taten das in der Welt. In ihrem Alltag, auf dem Feld bei den Hür-den und Herden. Da, wo sich die raue Wirklichkeit empfindlich reibt mit dem, was sie doch eben vom Frieden gehört hatten, von den Menschen des göttlichen Wohlgefallens, vom Retter der Welt. Und genau da, spürt Renate, wo es sich reibt; wo ein Virus die Welt mit seiner finsteren, tödlichen Macht förmlich überrollt und das Wunder von Weihnachten so überhaupt nicht hin zu passen scheint, genau da entfaltet es seine geheimnisvolle Kraft. Da beginnt die Herrlichkeit Gottes zu leuchten und all das Raue, Arge und Harte in das himmlische Licht der göttlichen Treue und Gnade zu tauchen. Und Barmherzigkeit und Segen beginnen zu fließen…
Der Gedanke lässt Renate nicht los. Die Hirten der Weihnachtsgeschichte haben die himmlische Botschaft der Engel zu ihrer irdischen Sache gemacht. Der namenlose Baum-Schmücker und Worte-Schenker an der Kirche hat es ihnen nachgetan. Ich will das auch tun. Es stimmt: Weihnachten findet statt! Anders als in all den Jahren zuvor, anders schön. Und ich bin ein Teil davon! Und wieder singt es in ihr: „Mit den Hirten will ich gehen…“
Sie überlegt. Was könnte ich beitragen zu diesem Weihnachtsfest? Wie könnte ich die Botschaft weitersagen? Eine Frau des Wortes bin ich nicht. Schreiben fiel mir immer schon schwer… Renate greift zum Telefon. Sie wählt die Nummer ihrer alten Schulfreun-din. Merkwürdig, dass ihr ausgerechnet die jetzt in den Sinn kommt; sie haben schon so lange nichts mehr voneinander gehört. Hamburg ist weit weg. Und jede hatte irgendwie genug mit sich selbst zu tun. Aber auch Ulla ist seit dem Tod ihres Mannes allein; sie wird an diesem Heiligabend vermutlich auch nichts anderes zu tun haben. Und vielleicht freut sie sich, eine andere Stimme zu hören. - Über eine Stunde telefonieren die beiden. Ganz vertraut sprechen sie miteinander, als hätten sie sich gestern erst gesehen. Es gibt so viel zu erzählen: „Wie geht es dir?“ „Was machst du so?“ „Wie ist es dir ergangen?“ Und schließlich tauchen sie auch in Kindheitserinnerungen ein: „Weißt du noch, damals…“ Sie reden miteinander und halten auch Momente der Stille aus, wo keine von beiden spricht. Sie erzählen von Sorgen und Ängsten, aber auch von Glücksmomenten wie dem am “sprechenden Tannenbaum“ vor der Kirche. Sie lachen und weinen sogar zusammen. Warm wird ihnen ums Herz und weihnachtlich. „Weißt du was? Das war fast ein kleiner Gottesdienst mit dir hier am Telefon“, sagt Ulla zum Abschied. Ich danke dir sehr, dass du angerufen hast. Lass uns bis zum nächsten Mal nicht wieder so lange warten…“ Auch Renate ist ganz beseelt. Als sie im Bett liegt, betet sie: „Danke, Gott, das ist tatsächlich ein ganz SCHÖN anderes Weihnachtsfest in diesem Jahr…“
Am nächsten Morgen ist sie voller Energie. Ihr kommt noch eine Idee. Sie packt eine gro-ße Cellophantüte mit Weihnachtsplätzchen und bindet ein Tannenzweiglein mit einem selbst gebastelten Stern daran. Darauf schreibt sie nur ein Wort: „Shalom!“ Sie holt eine Packung Weihnachtstee raus und wickelt sie in Geschenkpapier. Schließlich geht sie zum Weinregal und greift nach der Flasche Rotwein, die sie für einen besonderen Anlass mit einem ganz besonderen Menschen aufbewahrt hat. Nachdem sie alles in ihrem Korb ver-staut hat, streift sie ihren Wintermantel über, zieht sich Mütze und Handschuhe an und legt den warmen Schal um. Dann nimmt sie den Korb und geht aus dem Haus. Ein paar Straßen weiter wohnt seit einigen Wochen die Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan. Rena-tes Nachbarin hat davon erzählt; die engagiert sich in der NEST-Gruppe. Großmutter, Mutter und vier Kinder – nette, zurückhaltende Leute, die Entsetzliches erlebt haben. Sie sprechen kein Wort Deutsch, sind in allem angewiesen auf Hilfe. Renates Nachbarin schaut regelmäßig nach ihnen, geht mit ihnen einkaufen, begleitet sie bei Behördengän-gen. Für die soll auch Weihnachten werden, denkt Renate und biegt zielstrebig in die Straße ein. Vor dem Haus hält sie einen Moment inne. Für einen Augenblick erschrickt sie vor ihrer eigenen Courage. Aber dann denkt sie an ihren Heiligabend. Sie sieht den „Mut“ am Weihnachtsbaum vor der Kirche vor ihrem inneren Auge aufleuchten und hört die Worte Weihnachtsgeschichte „… Und die Hirten kehrten um und priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war“. Die Kirchen-tür ist verschlossen, aber die Welt steht uns offen… Entschlossen stellt sie ihre Gaben vor die Haustür, setzt die Maske auf, klingelt und tritt einige Meter zurück. Es dauert nicht lan-ge, da öffnet eine Frau mittleren Alters die Tür. Sie guckt fragend. Hinter ihrem Rücken gucken zwei kleine Kinderaugenpaare hervor. Ängstlich-verschämt wirken sie, aber ihre Neugierde ist nicht zu bremsen. Renate sagt kein Wort; die Leute würden sie ja doch nicht verstehen. Sie winkt ihnen nur freundlich zu und deutet auf Plätzchen, Tee und Wein. „Für euch!“, deuten ihre Hände mit einer Geste an – und da sieht sie, wie ein Strahlen über die drei Gesichter geht. Behutsam nimmt die Frau die Gaben auf. Die Kinder staunen und lachen, sie springen in die Luft und winken zu Renate zurück. Die Scheu ist der Freude gewichen. „Frohe Weihnachten!“, denkt Renate glücklich und tritt den Heimweg an.
Sie spürt, dass auch auf ihrem Gesicht ein Lächeln liegt. Die Augen der Kinder wird sie so schnell nicht vergessen. Ein bisschen fühlt sie sich erinnert an sich selbst. Nicht, dass sie Krieg, Flucht und Vertreibung erlitten hätte – sie gehört zur Nachkriegsgeneration. Aber trotzdem: Auch sie war als Kind äußerst schüchtern. Immer schon war sie anderen Men-schen eher ausgewichen. Wenn jemand ihren Namen rief, „Nati!“, fühlte sie sich nicht au-tomatisch angesprochen. Im Gegenteil: Ich kann doch nicht gemeint sein, diese Überzeu-gung hatte über Jahrzehnte tief in ihr drin gesessen. Noch heute musste sie manchmal richtig dagegen ankämpfen. - Ja, und nun schau dich an, Nati, am 1. Weihnachtstag im Corona-Jahr 2020. Da ziehst ausgerechnet du los zu wildfremden Menschen, um ihnen ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen. Und gehst nun selbst beschenkt und strahlend nach Hause. Bist du das wirklich? Welcher Geist hat dich getrieben, dass du dich das traust? Du bist ja regelrecht über dich hinausgewachsen! … Renate lacht über ihre eige-nen Gedanken: Vielleicht trage ich meinen Namen zu recht?: Renate, die Wiedergebore-ne. Jedenfalls ist da etwas geschehen mit mir, gestern an der Krippe und am Weihnachts-baum vor der Kirche. Als hätte ich es zum ersten Mal wirklich gehört: „DIR ist heute der Heiland geboren!“ Sie schaut an sich herunter. Sieht gar nicht unbedingt nach einem Hir-tenmantel aus, mit ein bisschen Phantasie könnte es auch fast ein Königsmantel sein. Sie richtet ihre Schultern auf und hebt den Kopf. Und ist da unter der Mütze nicht auch eine kleine Krone im Haar versteckt? Renate schmunzelt. Und da: Wieder ein Lied, das in ihr zu klingen und singen beginnt – wie ein Ohrwurm, der nicht von ihr lassen will und ihre Schritte trotz Winterstiefeln fast zum Tanz werden lässt: „Mit den Weisen will ich geben, was ich Höchstes hab im Leben; geb zu seilgem Gewinn ihm das Leben selber hin…“
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Musik zur Meditation

(Wie schön leuchtet der Morgenstern (Johann Ludwig Krebs, 1713-1780))

Glaubensbekenntnis

Ich glaube an Gott, den Vater,
den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten
unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.

EG 66, 1.2.7-9: Jesus ist kommen

1. Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude; A und O, Anfang und Ende steht da. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide; Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah! Himmel und Erde, erzählet’s den Heiden: Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.

2. Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, die reißen entzwei. Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; er, der Sohn Gottes, der machet recht frei, bringet zu Ehren aus Sünde und Schande; Jesus ist kommen, nun springen die Bande.

7. Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden: Komme, wen dürstet, und trinke, wer will! Holet für euren so giftigen Schaden Gnade aus dieser unendlichen Füll! Hier kann das Herze sich laben und baden. Jesus ist kommen, die Quelle der Gnaden.

8. Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben. Hochgelobt sei der erbarmende Gott, der uns den Ursprung des Segens gegeben; dieser verschlinget Fluch, Jammer und Tod. Selig, die ihm sich beständig ergeben! Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.

9. Jesus ist kommen, sagt’s aller Welt Enden. Eilet, ach eilet zum Gnadenpanier! Schwöret die Treue mit Herzen und Händen. Sprechet: Wir leben und sterben mit dir. Amen, o Jesu, du wollst uns vollenden. Jesus ist kommen, sagt’s aller Welt Enden.

(Text: Johann Ludwig Konrad Allendorf 1736; Melodie: Köthen um 1733)

Fürbittengebet mit EG 74: Du Morgenstern, Du Licht vom Licht

Du Morgenstern,
Du Licht vom Licht,
zu Dir rufen wir:
EG 74, 1: ♫ Du Morgenstern, du Licht vom Licht, das durch die Finsternisse bricht, du gingst vor aller Zeiten Lauf in unerschaffner Klarheit auf. ♫

Du Morgenstern,
Du Licht vom Licht.
Du scheinst und die Schatten des Todes weichen.
Strahle auf,
wo der Tod sich die genommen hat,
die uns lieb sind.
Strahle auf,
wo Angst den Tod mächtig macht.
Strahle auf,
wo die Freunde des Todes am Werk sind.
Bringe Licht und Leben in die Todeszonen dieser Welt,
Du Morgenstern,
Du Licht vom Licht.
Zu Dir rufen wir:
EG 74, 2: ♫ 2. Du Lebensquell, wir danken dir, auf dich, Lebend’ger, hoffen wir; denn du durchdrangst des Todes Nacht, hast Sieg und Leben uns gebracht. ♫

Du Morgenstern,
Du Licht vom Licht.
Du scheinst und das Leben kehrt zurück.
Zeige Dich,
wo die Kräfte schwinden
und doch so viel Not zu lindern ist.
Zeige Dich,
wo die Verzweiflung wächst,
weil das Virus und seine Mutanten alles zerstören.
Zeige Dich,
wo Gleichgültigkeit um sich greift
und die Schwachen in Gefahr geraten.
Komm mit Rat und Kraft,
Verstand und Weisheit.
Ermächtige die Ohnmächtigen und
bringe Hilfe den Hilflosen,
Du Morgenstern,
Du Licht vom Licht.
Wir rufen zu Dir:
EG 74, 3: ♫ Du ewge Wahrheit, Gottes Bild, der du den Vater uns enthüllt, du kamst herab ins Erdental mit deiner Gotterkenntnis Strahl. ♫

Du Morgenstern,
Du Licht vom Licht.
Du scheinst und der Glaube wächst.
Erscheine,
wo sich Suchende nach der Wahrheit sehnen.
Erscheine,
wo Verunsicherte nach Antworten suchen.
Erscheine,
wo sich unsere Kinder um die Zukunft der Erde sorgen.
Erscheine,
wo Menschen – nicht nur in den USA – Freiheit und Demokratie zu schützen suchen.
Erscheine,
damit Deine Kirche auf Dich hinweist.
Erscheine in unserer Gemeinde,
Erscheine in unseren Häusern und in den Häusern derer,
die wir lieben
und derer, die uns zu tragen geben.
Erscheine und mache die Herzen hell,
Du Morgenstern,
Du Licht vom Licht.
Wir rufen zu Dir:
EG 74, 4: ♫ Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht, führ uns durch Finsternis zum Licht, bleib auch am Abend dieser Welt als Hilf und Hort uns zugesellt. ♫

Du Morgenstern,
Du Licht vom Licht.
Ja, bleibe bei uns
heute und morgen und alle Tage.
Amen.

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name!
Dein Reich komme!
Dein Wille geschehe
wie im Himmel, so auf Erden!
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen,
denn Dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit,
Amen.

Segen

♫ Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lass leuchten Sein Angesicht über dir
und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe Sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden.
Amen, Amen, Amen ♫

Musik zum Nachklang

(Variationen über o Sanctissima (op 4a Gerard Bunk, 1880-1958))