Mitwirkende:
Regina Henkel (Organistin), Liturg*innen (Pfr.in Reihs-Vetter, Pfarrer Reihs, Louis Aust), Auslegerin (Pfr. Reihs)

Musikalisches Vorspiel (Regina Henkel): Schmidauer-König, Simple Piece Nr. 4

Eröffnung (Pfr. Reihs):

Im Namen Gottes,
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Biblisches Votum (Pfr. Reihs):
Jesus sprach: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk. 18, 31)

Hinführung (Pfr. Reihs):
In der Karwoche nehmen wir den Kreuzweg Jesu Christi in den Blick. Wir wollen Gott schauen – gerade auf diesem Weg des Leidens und Sterbens Jesu. Heute blicken wir in die Vergangenheit: das Erste Testament, die Heilige Schrift des jüdischen Volkes, kennt die Überlieferung vom Gottesknecht, der im Auftrag Gottes Heil für das Volk bringt. Auf sein stellvertretendes Leiden konzentrieren wir heute den Blick:

Lied: EG 91, 1-4.9-10 (Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken – Regina Henkel, Orgel)

Psalm 38, 2.3.10-12.14-16.18.19.22.23 (Pfrn. Reihs-Vetter / Pfr. Reihs):

Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn
und züchtige mich nicht in deinem Grimm!

Denn deine Pfeile stecken in mir,
und deine Hand drückt mich.

Herr, du kennst all mein Begehren,
und mein Seufzen ist dir nicht verborgen.

Mein Herz erbebt, meine Kraft hat mich verlassen,
und das Licht meiner Augen ist auch dahin.

Meine Lieben und Freunde scheuen zurück vor meiner Plage,
und meine Nächsten halten sich ferne.

Ich bin wie taub und höre nicht,
und wie ein Stummer, der seinen Mund nicht auftut.

Ich muss sein wie einer, der nicht hört
und keine Widerrede in seinem Munde hat.

Aber ich harre, Herr, auf dich;
du, Herr, mein Gott, wirst erhören.

Denn ich bin dem Fallen nahe,
und mein Schmerz ist immer vor mir.

So bekenne ich denn meine Missetat
und sorge mich wegen meiner Sünde.

Verlass mich nicht, Herr,
mein Gott, sei nicht ferne von mir!

Eile, mir beizustehen,
Herr, du meine Hilfe!

Amen

Schriftlesung: Jesaja 53, 2b-5 (Pfrn. Reihs-Vetter)

Die Lesung für diese Andacht steht beim Propheten Jesaja im 53. Kapitel, in den Versen 2b-5:
Der Knecht Gottes hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Auslegung (Pfr. Reihs)

Der Anblick des Gekreuzigten: Die Menschen schauen hin, aber sie wenden den Blick gleich wieder ab. Sie können das nicht ertragen. So viel Leid. So viel Schmerz, der aus dem Gesicht des Gekreuzigten spricht. Sein ganzer Körper schreit Weh. Bis heute kann ich mir den Film „Die Passion Christi“ von und mit Mel Gibson nicht ansehen, weil ich mich vor der Grausamkeit fürchte. Ich sehe lieber weg. Weil ich es nicht ertragen kann, was einem Menschen angetan wird. Weil ich wohl auch denke, das könnte dir auch mal geschehen. Es kann ja niemand garantieren, dass wir nicht wieder Zeiten bekommen, in denen ich selber zu denen gehöre, die geopfert werden. Und manchem geht es wohl auch so, wenn er die entstellten Gesichter von Patient*innen auf den Intensivstationen der Krankenhäuser sieht, wenn er ihren schweren rasselnden Atem hört, dass man das einfach nicht erträgt, weil es so schrecklich ist. Es ist so, als ob den Menschen ihre Würde abhandengekommen sei, als ob es nur noch Leid und nur noch Schmerz dort zu entdecken gäbe. Dieses Leid sei zu verachten, es sei der Achtung nicht wert. Ich denke heute an die Diskussionen der gesunden 40jährigen, ob man nicht Corona-Infizierte über 80jährige nicht mehr behandeln solle, ihr Leben sei nicht so viel wert wie das eines 30 jährigen. Wert für wen? Für das Bruttosozialprodukt? Für die Krankenkasse? Es ist und bleibt ein leidender Mensch.

Der Rückblick auf den Gekreuzigten. Aus der Distanz. Aus der geschichtlichen und persönlichen Entfernung. Aus der Objektivität heraus. Der Gekreuzigte hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Er war das Opfer einer politischen Intrige und eines religiösen Komplotts. Sowohl den römischen Besatzern als auch der jüdischen Führungsschicht ging es um den Erhalt ihrer Macht, ihres Einflusses und ihres Blicks auf die Welt. Das wollten sie sich nicht nehmen lassen. Das haben sie bis in die letzte Konsequenz verhindert. dafür haben sie sogar den Tod Jesu veranlasst. Und Jesus war auch das Opfer der öffentlichen Gleichgültigkeit, des öffentlichen Schweigens einerseits und des öffentlichen Mitjohlens andererseits. Denn auch den vielen tausend Menschen, die von ihm gehört hatten, die ihm begegnet waren, war er nicht geheuer. Sein radikales Vertrauen allein auf die Liebe Gottes, seine unbedingte Hinwendung zu den Verlierer*innen der Gesellschaft, seine unumstößliche Würdigung aller Menschen, auch seiner Gegner, blieb ihnen unverständlich und war störend. Wenn ich mich frage, wo ich damals gestanden hätte, was ich gerufen hätte, ob ich geschwiegen hätte, ob ich mich empört hätte im Namen der Liebe – ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wäre auch ich schuldig geworden durch Nichtstun und Zulassen. Meine Hände wären wohl untätig geblieben, festgenagelt am Kreuz der Feigheit. Mein Mund wäre wohl stumm geblieben, ausgetrocknet vor Selbstgerechtigkeit. Wie soll ich das ertragen?

Der Ausblick mit dem Gekreuzigten. In ihm sehe ich auch das Leid der vielen anderen in der Welt. In ihm sehe ich auch mich. Und ich erkenne mich selbst als Mensch. Ich erkenne, dass mein Leben gefährdet ist, dass es Schmerzen leidet und Schuld. dass es auf Vergebung und Heilung angewiesen ist. Dass sich gerade darin mein Leben zeigt: in der Bedürftigkeit. Gerade dort, wo es keinen Wert zu haben scheint, entdecke ich seine Würde. Die Würde, dass Christus sich meiner annimmt in Schwachheit und Not. Die Würde, dass ich es ihm wert bin, für mich zu leiden und zu sterben. Die Würde, die sich aus der Liebe Gottes speist. Die Würde, die mich in meiner Unvollkommenheit, mit meinen Schädigungen und Einschränkungen, mit meinen Versäumnissen und meinem Übereifer, mit meiner Furcht und meinem Eigensinn annimmt. Die Würde, die mich nicht auf mein So-Sein festlegt, sondern die mir immer zusagt: du bist anders! Du bist ein Kind Gottes! Das ist die Kraft des Gottesknechts am Kreuz. Amen.

Lied: EG 85, 1.2.5.6.9 (Oh Haupt voll Blut und Wunden – Regina Henkel, Orgel)

Gebet (Pfr. Reihs):

Dein Kreuz, Jesus Christus, ist aufgerichtet. / Du wurdest dem Tod ausgeliefert / und wir sind frei. / Du stirbst / und wir leben.

Wir beten für die Mächtigen, die Unschuldige dem Tod überantworten, für die Helfer des Todes, für die, die an dem festhalten, was dem Tod dient. Für uns selbst, die wir der Gewalt mehr trauen als der Liebe: Erbarme dich.

Wir beten für die Lügner und alle, die die Wahrheit hassen, für die, die am Tod der Armen verdienen, für die, denen Recht und Barmherzigkeit gleichgültig sind. Für uns selbst, die wir die Wahrheit verbiegen und verschweigen anstatt ihr die Ehre zu geben. Erbarme dich.

Wir beten für die Mütter, für alle, die Angst um ihre Kinder und ihre Freunde haben, für alle, die Verfolgten und Verklagten beistehen, für alle, die gemeinsam dem Bösen widerstehen. Für uns selbst, die wir anderen dienen. Erbarme dich.

Wir beten für alle, die dursten, für die Kranken, für die, denen nichts zum Leben bleibt, für die Sterbenden, für die Trauernden. Für uns, die wir mit dem Tod leben lernen müssen: Erbarme dich. Amen.

Vaterunser (Louis Aust):

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme, dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen (Pfr. Reihs):

Der Herr segne uns und behüte uns;
der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über uns und sei uns gnädig;
der Herr erhebe Sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Amen

Musik zum Nachklang (Regina Henkel): Schmidauer-König, spring