Mitwirkende:

Regina Henkel (Organistin), Liturg*innen (Pfrn. Reihs-Vetter, Pfarrer Reihs, Carina Kretschmayr), Auslegerin (Pfrn. Reihs-Vetter)

Musikalisches Vorspiel (Regina Henkel): Schmidauer-König, Nostalgia

Eröffnung (Pfrn. Reihs-Vetter):

Eröffnung

Im Namen Gottes,
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen


Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Biblisches Votum (Pfrn. Reihs-Vetter):

Jesus sprach: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. (Lk. 18, 31)

 

Hinführung (Pfrn. Reihs-Vetter):

In der Karwoche nehmen wir den Kreuzweg Jesu Christi in den Blick. Wir wollen Gott schauen – gerade auf diesem Weg des Leidens und Sterbens Jesu.

Heute blicken wir an den Wegesrand. Viele Menschen stehen dort und sehen hin – neugierig gaffend, erleichtert und schadenfroh oder voller Mitleid, ängstlich und verzweifelt. Auf eine Frau in dieser Menge konzentrieren wir heute den Blick: Maria, die Mutter Jesu.

EG 79, 1-4 (Wir danken Dir, Herr Jesu Christ – Regina Henkel, Orgel)

Psalm 34, 16.18-20.23 (Pfrn. Reihs-Vetter/ Pfr. Reihs):

Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten
und Seine Ohren auf ihr Schreien.

Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr
und errettet sie aus aller ihrer Furcht.

Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind,
und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

Der Gerechte muss viel leiden,
aber aus alledem hilft ihm der Herr.

Der Herr erlöst das Leben Seiner Knechte/ Mägde,
und alle, die auf Ihn trauen, werden frei von Schuld.

Amen

Schriftlesung: Lk. 2, 25-35 (Pfrn. Reihs-Vetter)

Die Lesung für diese Andacht steht bei Lukas im 2. Kapitel, in den Versen 25-35: Siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden. 

Auslegung (Pfrn. Reihs-Vetter) „Durch deine Seele wird ein Schwert dringen!“

Wie lange ist es her, dass der alte Simeon diese Worte zu ihr gesagt hatte! Seit über dreißig Jahren trägt Maria sie mit sich und bewegt sie in ihrem Herzen – wie die Schatten einer bösen Vorahnung, ängstlich und sorgenvoll. Stück für Stück sind diese Worte Simeons wahr geworden; und jetzt droht ihr Herz zu zerreißen...

Neun Monate lang hatte Maria ihren Ältesten unter dem Herzen getragen, hatte hautnah miterlebt, wie Er dem Leben entgegen wuchs und wie Er in die Welt drängte, Wehe für Wehe, Atemzug für Atemzug. Ihr erstes Kind: Das war schon eine besondere Bindung gewesen. Sie hatte Ihn geliebt und umsorgt, Ihn begleitet durch Kindheit und Pubertät, hatte erlebt, wie Er sich schon früh abnabelte und Seine eigenen Wege ging. Als Zwölfjähriger hatte Er im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutiert, während Josef und sie ihn panisch in allen Gassen und jedem Winkel von Jerusalem gesucht hatten. Er hatte nicht verstanden, warum sie sich Sorgen machten. „Durch deine Seele wird ein Schwert dringen!“ Später war Er mit Seinen Freunden losgezogen, „das Reich Gottes zu verkündigen“. Sie hatten sich nur noch selten gesehen; und wenn, dann hatte Er sie oft schroff behandelt – wie bei der Hochzeit in Kana. Stur war ihr Ältester und kompromisslos. Er hatte sich Feinde gemacht, mächtige Feine. Und als sie aus lauter Sorge um Sein Leben gemeinsam mit Seinen Brüdern versucht hatte, Ihn zurück in den Schutz Seiner Familie zu holen, hatte Er ihnen die Verwandtschaft aufgekündigt: „Durch deine Seele wird ein Schwert dringen!“ Aber wie sollte eine Mutter ihr Kind verlassen? Sie liebte Ihn doch! So sehr! Darum muss sie heute hier sein. In Jerusalem. Den Weg nach Golgatha mitgehen. Was würde sie darum geben, Ihm das Kreuz abnehmen und für Ihn tragen zu können! Es zerreißt ihr das Herz, Ihn so leiden zu sehen. Sie meint zu spüren, wie die Dornen der Spott-Krone sich in ihren eigenen Kopf bohren und das schwere Kreuz ihr das Rückgrat bricht…

Liebe. Sie ist da und fragt nicht nach dem Preis. Sie trägt mit, erduldet viel, ist bereit zu Opfern. Und wenn sie könnte, würde sie dem Geliebten sein Leid abnehmen und es stellvertretend für ihn tragen. Ja, sie würde sogar für ihn durch die Hölle gehen. Eltern für ihre Kinder, die auf „die schiefe Bahn“ geraten sind. Die Frau für ihren krebskranken Ehemann. Der Bruder für seine behinderte Schwester. Die Tochter für ihren im Pflegeheim isolierten Vater. Liebe, sie leidet an ihrer Ohnmacht. Es zerreißt ihr das Herz, nichts tun zu können.

Maria bahnt sich den Weg durch die Menge. Sie will ihrem Sohn nahe sein. Er soll wenigstens sehen und spüren, dass sie da ist. Dass sie Ihn liebt. Sie kümmert sich nicht um das Geschubse und die widerwilligen Kommentare um sie her. Sie muss zu Ihm. Sie stolpert, steht wieder auf, läuft weiter. Woher sie die Kraft nimmt, weiß sie nicht… Da endlich erreicht sie Ihn. Tief gebeugt unter dem Kreuz, schaut Er auf. Ihre Blicke begegnen sich. Ein Augen-Blick zwischen Mutter und Sohn, der diesen entsetzlichen Kreuzweg für einen Moment unterbricht. So intim, so innig. Für einen Moment ist die öffentliche Zurschaustellung ihres Sohnes ausgeblendet. Die höhnischen Stimmen sind auf „lautlos“ gestellt. Einen Augenblick Nähe, Verstehen, inniges Einvernehmen. Worte können sie nicht wechseln. Aber das ist auch nicht nötig. Sie streift sanft seine Hand – nur ein Hauch von Berührung, unmerklich für die Umstehenden. Aber Er hat verstanden. Er schaut sie an. Dankbar. Zerbrechlich. Ruhig. Und Stark. Marias Schmerz geht ins Unendliche. Dies, das spürt sie, ist der Abschied. Sie muss Ihn gehen lassen – endgültig. Es gibt kein Zurück und keinen Ausweg. Gott, hilf uns!

So geht es bis heute. Eltern können ihren Kindern die Eigenverantwortung nicht abnehmen, müssen sie ins Leben entlassen. Da hilft kein „Helikoptern“. Und wenn sie auf „die schiefe Bahn“ geraten sind, können sie nur da sein und zeigen: „Ich hab dich trotzdem lieb!“ Die Frau kann ihrem Ehemann die Krebserkrankung nicht abnehmen, keine Chemo und keine Operation für ihn durchstehen. Sie kann ihm nur die Hand halten und ihm zeigen: „Du bist nicht allein!“ Der Bruder kann nicht die Behinderung für seine Schwester tragen. Und die Tochter nicht anstelle ihres Vaters die Isolation auf der Pflegestation aushalten. Sie können nur mit ihren Lieben aushalten – und sei es durch eine Fensterscheibe hindurch. Sie können ihr Leid teilen und es mit ihnen und für sie gen Himmel schreien. Sie können den Menschen, den sie lieben, Gott anvertrauen. „Durch deine Seele wird ein Schwert dringen…“

Jesu Blick ruht auf Seiner Mutter. Dankbar. Zerbrechlich. Ruhig und Stark. Sein Blick ruht auf den Eltern, der Ehefrau, dem Bruder, der Tochter. Er ruht auf dir und mir. „Es muss so sein“, sagen Jesu Augen. Und: „Es wird alles gut. Dies ist nicht das Ende. Hab Vertrauen! –

Du willst mein Kreuz tragen, dabei trage ich deines! Du hast das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen, aber ich fange dich auf! Durch deine Seele geht jetzt ein Schwert und dein Herz droht zu zerreißen, aber ich will Herz und Seele heilen! Auch, wenn ich gehe, bleibe ich doch nahe. Und ob ich gleich ohnmächtig erscheine, helfe ich doch gerade so den zerbrochenen Herzen und zerschlagenen Gemütern. Denn auch wenn ich sterbe, werde ich leben. Und ihr sollt auch leben!“

Liebe. Sie ist da und fragt nicht nach dem Preis. Die Liebe Gottes trägt alles, erduldet alles, ist bereit zum Opfer bis zur Selbstaufgabe. Sie nimmt Leid und Schuld stellvertretend für die Geliebten auf sich. Sie lässt sich für sie aufs Kreuz legen, stirbt für sie, geht für sie durch die Hölle – damit sie leben! Amen

Oh Haupt voll Blut und Wunden - Lied: EG 85, 1.2.5.6.9 – (Regina Henkel, Orgel)

Gebet (Pfrn. Reihs-Vetter):

Herr und Heiland Jesus Christus,
wir danken Dir:
Du siehst uns.
Du kennst uns.
Du bist uns nahe.
Unser Kreuz nimmst Du auf Dich,
damit wir Frieden haben.
Durch Deine Wunden
machst Du uns heil.
Wir bitten Dich:
Bewahre die Gesunden.
Stärke die Kranken.
Hilf den Helfer*innen.
Tröste die Traurigen.
Mache den Ängstlichen Mut.
Nimm unsere Toten auf in Dein Reich.
Gib uns und aller Welt teil an Deinem Leben.
Amen

Vaterunser (Carina Kretschmayr):

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme, dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Segen (Pfrn. Reihs-Vetter):

Der Herr segne uns und behüte uns;
der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über uns und sei uns gnädig;
der Herr erhebe Sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Amen

Musik zum Nachklang (Regina Henkel): Schmidauer-König, Perpetuum